25/2004
Babysehnsucht
Wie ein Paar die Risiken und Nebenwirkungen einer In-vitro-Fertilisation durchlebt
Am schlimmsten ist die ständige Angst, sagt Clara Becker. „In den entscheidenden Tagen ist jeder Gang auf die Toilette seelische Folter“, seufzt die 32-Jährige. „Du denkst immer nur: Bloß keine Blutung, bitte kein Blut.“ Denn eine Menstruation bedeutet wieder keine Schwangerschaft, einen neuen Tiefschlag für die Apothekerin und ihren Mann Wolfgang.
In letzter Zeit sähen sie nur noch Babys, sagen die Beckers: Auf der Straße. Im Fernsehen. Im Bekanntenkreis. Nichts wünscht sich das Ehepaar aus Nordrhein-Westfalen so sehr wie ein eigenes Kind. Dreimal haben sie bereits versucht, durch künstliche Befruchtung zu einem Baby zu kommen. Wolfgang produziert zu wenige Spermien – und die sind auch noch zu träge, um sich mit den gesunden Eizellen zu vereinigen. Daher hat Clara wochenlang Hormone gespritzt und damit peinigendes Druckgefühl in den Brüsten, auf doppelte Größe geschwollene Eierstöcke und dann die Schmerzen nach der Entnahme der Eizellen auf sich genommen. Er hatte ihre Stimmungstiefs zu ertragen: Als sich die Hormonschwankungen bemerkbar machten; als die Ungewissheit nach dem Wiedereinsetzen der befruchteten Eizellen immer quälender wurde; und vor allem am Ende, als sie doch wieder Blut sah.
„Unsere Sterilität ist eine gemeinsame Krankheit, die wir als Paar auch gemeinsam ausstehen müssen“, sagt sie. Und beide sind überzeugt, dass sich diese Krankheit in Deutschland nicht optimal behandeln lasse. Die Erfolgsquoten künstlicher Befruchtung seien in kaum einem europäischen Staat so niedrig wie hierzulande. Nur rund ein Viertel der Versuche, ein Retortenbaby zu zeugen, klappe tatsächlich. Der Österreicher Herbert Zech verspricht etwa doppelt so hohe Raten: 48 Prozent aller künstlichen Befruchtungen führten in seiner Klinik in Bregenz zur gewünschten Schwangerschaft. „Wir werden regelrecht überschwemmt von Anfragen aus Deutschland“, berichtet er. Jährlich kämen etwa 1500 deutsche Frauen zu ihm, fast zehn Prozent aller Patientinnen des Nachbarlandes. Zech leitet drei weitere Kliniken in Italien, Tschechien und der Schweiz und ist Präsident der Österreichischen Gesellschaft für Reproduktionsmedizin und Endokrinologie.
Nur Siegerembryonen zählen
Sein Erfolgsrezept heißt Blastozystentransfer. Diese Technik beruht auf einer längeren, rund fünf Tage dauernden In-vitro-Kultur der Embryonen. Diese nehmen dann nach vielen Zellteilungen die Form einer brombeerähnlichen Hohlkugel ein, Blastozyste genannt. Da die meisten Embryonen dabei zugrunde gehen, gilt die Zucht von Blastozysten als ethisch anstößige „Selektion“ und ist in Deutschland, Italien und in der Schweiz verboten. Hierzulande ist nur die Kultur von maximal drei Embryonen pro Zyklus gestattet, und diese werden meist nach zwei bis drei Tagen in die Gebärmutter transferiert. Zech hingegen schickt das Doppelte bis Dreifache an Embryonen ins Rennen und setzt auf Siegertypen: „Bei einem Hundertmeterlauf wird man auch nicht nach zehn Metern den Sieger bereits festlegen, sondern eben erst am Ziel.“ Sieger seien jene Embryonen, die sich bis zur Blastozyste entwickelten. Der Blastozystentransfer ermögliche höhere Schwangerschaftsraten als die Übe rtragung von Embryonen nach deutschen Vorschriften – und deshalb kommen die Frauen in hellen Scharen ins liberalere Österreich.
Auch die Beckers sind nach Bregenz gefahren. Nur wenige Kilometer hinter der deutsch-österreichischen Grenze lässt Zech seine Klinik gerade ausbauen. Doch von Lärm oder Hektik ist dort nichts zu spüren: „It’s a human sign when things go wrong“, erklingt es aus den Lautsprechern des lichtdurchfluteten Wartezimmers mit Seeblick. Geduldig warten die Patienten, fast alle Deutsche oder Schweizer.
Nach fünftägiger Kultur im Brutschrank wählt Zechs Laborchefin Astrid Stecher unter dem Mikroskop die beiden chancenreichsten Blastozysten aus, überzählige werden für etwaige spätere Verwendung eingefroren. Eine hohe Zahl und ein symmetrischer Aufbau der Zellen sind ihre Auswahlkriterien; genetische Untersuchungen nimmt sie nicht vor. „Wir machen nicht mehr, als die Natur auch tut“, sagt die Biologin. „Nur verzichten wir darauf, den Frauen todgeweihte Embryonen einzupflanzen.“
Wer nicht fragt, bleibt dumm
Für die Apothekerin Clara Becker beginnt menschliches Leben erst mit der Einnistung der Eizelle in die Gebärmutter, „ansonsten müsste man auch die Spirale verbieten“. Abtreibung lehnen die Beckers ebenso ab wie die Präimplantationsdiagnostik; sie würden auch ein behindertes Kind akzeptieren. „Wir wollen uns nicht das perfekte Baby im Reagenzglas züchten. Wir wollen nur ein Kind.“
Für den Blastozystentransfer, bei dem maximal zwei Embryonen verpflanzt werden, spricht das geringere Risiko von Drillingsgeburten. So entwickeln sich bei drei von hundert erfolgreichen künstlichen Befruchtungen nach deutschem Muster sämtliche drei Embryonen fort. Die Folgen sind mitunter dramatisch: Die Föten behindern sich gegenseitig in ihrer Entwicklung; Früh- und Fehlgeburten sind nichts Ungewöhnliches.
Andererseits dürfte die Methode mit einem erhöhten Risiko von Imprinting-Defekten (siehe nebenstehende Geschichte) einhergehen. Nach neuen Erkenntnissen wäre es verwegen zu hoffen, dass ein Rennen, bei dem die meisten Embryonen sterben, die Sieger völlig unbeschadet lässt. Warum warnt Herbert Zech seine Patienten nicht vor der Gefahr von Imprinting-Defekten durch die Blastozystenkultur? „Wenn ein deutscher Reproduktionsmediziner vor der Blastozystenkultur warnt wegen Imprinting-Defekten, dann ist er ein Pharisäer, der bewusst gegen seine Patienten arbeitet“, kontert Zech. Es gebe „keinen Beweis, dass die Blastozystenkultur mehr Schäden verursacht als eine kürzere Kultur“. Die entdeckten Imprinting-Defekte seien extrem selten und könnten auch am ersten Tag entstanden sein. Wer da warne, der müsse auch vor Ultraschall-, Mikrowellen- oder Handy-Gebrauch warnen. Er kläre seine Patienten nur dann über Imprinting-Defekte auf, wenn sie danach fragten. R 22;Das tun sie aber nicht.“
Auch die Beckers hatten ihn nicht danach gefragt – weil sie das Problem nicht kannten. Doch sie sind Zech nicht gram. „Ich glaube, er empfindet das Risiko wirklich als gering und will seinen Patienten weiteren Stress ersparen“, sagt Clara Becker. Sie hat ein gravierenderes Problem. Nur eines ihrer sechs befruchteten Eier hat die ersten Tage in der Petrischale überstanden. Und nach dessen Übertragung hat sie wieder ihre Regel bekommen.
Rund 3500 Euro musste das Paar dafür bezahlen, die Krankenkasse hat eine Erstattung abgelehnt. „Die Kosten der Behandlung dürfen von uns nicht übernommen werden“, heißt es in dem Schreiben der Kasse, da in Zechs Institut „eine Embryonenselektion vorgenommen“ werde, die deutschen Rechtsvorschriften widerspreche. Doch die Beckers lassen sich nicht beirren. Sie wollen ihr Elternglück erneut suchen. Im Herbst. In Bregenz.
Mitarbeit: Hans Schuh