m ä n n l i c h e   i n f e r t i l i t ä t                                   

 

 

*   MÄNNLICHE INFERTILITÄT

Univ.-Doz. Dr. Olaf Rittinger
Zum Stellenwert der genetischen Diagnostik
im Hinblick auf ICSI und IVF

 Molekulares Y-Screening

Für etwa 10-15% aller Paare bleibt der Kinderwunsch unerfüllt, in der Hälfte der Fälle ist ein androgener Faktor daran beteiligt. Wiederum die Hälfte dieser Fälle bleibt weiterhin ätiologisch ungeklärt. Seit den frühen 90er Jahren werden Kandidatengene am langen Arm des Y-Chromosoms intensiv auf ihren ursächlichen Zusammenhang mit beobachteter gestörter oder ausbleibender Spermatogenese untersucht. Mittlerweile gelten diese Y-Deletionen als die häufigsten molekular definierten Ursachen von Spermatogenesestörungen. Derzeit sind 3 verschiedene Spermatogenese Loci an Y q kartiert (Azoospermiefaktor AZF a,b,c), innerhalb derer die Deletion verschiedene Kandidatengene eine schwere Störung der Spermienreifung und Infertilität verursachen.  Wie aus einer Untersuchung von über 4800 infertilen Männern (Foresta et al., 2001) hervorgeht, variiert die Prävalenz der Y-Mikrodeletionen zwischen 4% (Oligospermie) und 18% (idiopathische Azoospermie). Bei diesen Zahlenangaben sind die Selektionskriterien zu bedenken: selbst bei Patienten mit Azoospermie ist eine Spermatidengewinnung durch Testisextraktion (TESE) prinzipiell möglich, innerhalb dieser Gruppe ist die Prävalenz aber wesentlich höher. Da auf diese Weise gewonnene deletierte Spermien unter ICSI und IVF für eine Fertilisation kompetent sind, werden entsprechend den Mendel’schen Regeln alle Söhne das deletierte Y des Vaters erben. Ein Y-Screening zur Erfassung dieser Deletionen bei ICSI-Kandidaten ist deshalb naheliegend und wünschenswert.

 

*   Die aktuelle Konsequenz einer so ererbten Y-Deletion ist solange noch nicht klar abzuschätzen, bis die so gezeugten Kinder ins Erwachsenenalter kommen. Die klinische Auswirkung kann durchaus über das Weitergeben der Infertilität hinaus gehen, da die Söhne auch größere Deletionen als die Väter aufweisen können (Stuppia et al.,1996), zumindest aber ist eine Zunahme infertiler Männer in der kommenden Population zu befürchten.

 

*   Chromosomenanalyse

Der Anteil an Chromosomenanomalien bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch ist gegenüber nicht betroffenen Paaren klar erhöht, er beträgt etwa 6% (Capkova et al., 2002). Samenanalysen bei infertilen Männern ergaben einen höheren Prozentsatz an unbalanzierten Spermien, sodass eine cytogenetische Untersuchung vor geplanter ICSI oder IVF unbedingt ratsam ist.

 CFTR-Mutatuionsdiagnostik


Bei verschiedenen Formen von obstruktiver Azoospermie (>15%), besonders aber bei der ein-oder beidseitigen Aplasie der Samenleiter (~80%) spielen atypische CF-Mutationen eine maßgebliche Rolle. Unter diesen Mutationen ist gleichfalls die D F508 Mutation die mit Abstand häufigste (Stuhrmann &Dörk, 2000). Bedenkt man das damit deutlich erhöhte Risiko auf das Auftreten einer Cystischen Fibrose (Mukoviszidose) bei den Nachkommen (im positiven fall 50fach erhöhtes Risiko auf CF), ist eine CF-Diagnostik bei beiden Partnern absolut indiziert.

 

*   Konsequenz

Das primäre Ziel der unterstützten Reproduktion, die derzeit in Österreich eine beträchtliche finanzielle Stütze durch den Staat erhält, ist es, Eltern zu einem gesunden Kind zu verhelfen. Damit erscheint es verpflichtend, durch nicht-invasive Maßnahme die Gameten auf ihre Unversehrtheit zu untersuchen. Zu diesen Maßnahmen sind ein Karyogramm beider Partner, ein Y-Screening und ein CF-Mutationsscreening beider Partner zu zählen.

Aus Humangenetischer Sicht ergibt sich folgender Vorschlag des Managements andrologischer Patienten im Vorfeld einer ICSI/IVF Behandlung:  

(1)Klinische Untersuchung
(2)Chromosomenanalyse
(3)Molekulare Y-Diagnostik
(4)CFTR-Analyse beim Mann, ev. bei Partnerin
(5)Genetische Beratung vor geplantem Eingriff