Brückenbauer Nr. 03, 16.01.2001

Ein Baby mit vierzig

Immer mehr Frauen erwarten ihr erstes Baby nach 30. Welches sind die Chancen und Risiken einer späten Mutterschaft?

Amgarten schwanger!»: So überraschte uns die Boulevardpresse. Mit 39 sieht die ehemalige TV-Moderatorin Mutterfreuden entgegen und befindet sich dabei in illustrer Gesellschaft. Mama mit vierzig wurde auch Model Iman, Madonna oder Cherie Blair, die Gattin des englischen Premierministers.

Ein Viertel der Erstgebärenden ist heute über 30 Jahre alt. 1978 bekamen 1,6 Prozent der Frauen in der Schweiz ihr erstes Kind nach 35, heute sind es bereits drei Prozent. Ärzte und Soziologinnen sehen darin aber keine biologischen, sondern vielmehr gesellschaftliche Gründe. Vor allem gut ausgebildete Frauen machen heute zuerst Karriere und erfüllen sich den Kinderwunsch später, wenn von Partnerschaft über Kinderbetreuung bis zum Einkommen alles stimmt.

Ein Interview mit dem Frauenarzt Reto Stoffel

«Brückenbauer»: Frauen planen ihre Kinder heute in einer späteren Lebensperiode ein. Wie steht es mit der Fruchtbarkeit der über 40-Jährigen?

Reto Stoffel: Statistisch gesehen ist die Fertilität zwischen 18 und 35 am besten und nimmt nachher ab. Aber davon sollten sich Frauen mit Kinderwunsch nicht abschrecken lassen. In meiner Praxis erlebe ich beispielsweise mehr 40-Jährige, die ungewollt schwanger sind, als ungewollt schwangere 18-Jährige.

Wie verkraftet der Körper einer 40-Jährigen die Schwangerschaft?

Gut. Das sind meist gut ausgebildete Frauen, die gesundheitsbewusst leben und motiviert sind, alles zu tun, damit eine Schwangerschaft problemlos verläuft.

Nach 35 spricht man aber oft von einer Risikoschwangerschaft.

Das ist heute zum Glück nicht mehr so. Eine gesunde 40-Jährige kann eine genauso problemlose Schwangerschaft haben wie eine gesunde junge Frau. Auch die Fehl- und Frühgeburtsrate ist nicht signifikant höher. Genauso wenig wie die Gefahr, an einer Schwangerschaftsgestose oder -diabetes zu erkranken.

Der Beckenboden der älteren Frau ist härter. Wie verläuft die Geburt?

Viele wünschen schon von Anfang an einen Kaiserschnitt. Ich bin jedoch dafür, dass eine gesunde Frau die Geburt auf sich zukommen lässt. Dann verläuft sie meist auch problemlos. In meiner Praxis ist weder die Kaiserschnittrate noch die der Zangen- oder Saugglockengeburt höher als bei jungen Frauen.

Wie stehts mit Chromosomenstörungen?

Mit 35 liegt das Risiko, ein behindertes Kind zu bekommen, bei einem Prozent, mit 45 bereits bei fünf. Das ist der einzige signifikant höhere Risikofaktor bei einer späten Schwangerschaft.

Wann sind Tests zur Erkennung von Chromosomenstörungen zu empfehlen?

Bei Frauen ab 35 oder wenn familiär bestehende Erbkrankheiten mit solchen Tests nachgewiesen werden können beziehungsweise wenn bereits ein Kind eine genetische Störung aufgewiesen hat. In diesen Fällen muss der Arzt auf die Möglichkeit der pränatalen genetischen Abklärungen aufmerksam machen. Dabei müssen die Aussagekraft der Tests dargelegt und das Gespräch auch auf die möglichen Konsequenzen gebracht werden. Letztlich liegt jedoch der Entscheid, ob und welche Untersuchungen vorgenommen werden sollen, immer bei der schwangeren Frau beziehungsweise beim Paar.

Interview Marlise Santiago

Dr. med. Reto Stoffel hat eine frauenärztliche Praxis in Richterswil und führt das Menopausen-Institut in Rüschlikon.

Die Tests

Ultraschall: Zwischen der zehnten und 14.Schwangerschaftswoche kann beim Ungeborenen eine Flüssigkeitsansammlung in der Nackenregion festgestellt werden, die ein Hinweis auf ein Down-Syndrom (früher Mongolismus genannt) sein kann.

Combined Test: Ultraschall, kombiniert mit einer Blutuntersuchung der Mutter in der 10.Schwangerschaftswoche, kann Aufschluss über ein Down-Syndrom geben.

Triple-Test: Im Blut der Mutter werden drei charakteristische Hormone untersucht, die Hinweise auf ein Down-Syndrom oder einen offenen Rücken (spina bifida) liefern können. 15. bis 17.Schwangerschaftswoche.

Amniozentese: In der 15. bis 16.Schwangerschaftswoche wird mit einer Hohlnadel durch die Bauchdecke Fruchtwasser abgesaugt. Gibt Aufschluss über das Erbgut des Embryos. Ergebnis nach etwa zwei Wochen. Leicht erhöhtes Risiko einer Fehlgeburt.

Chorionzotten-Biopsie: Neunte bis 13.Schwangerschaftswoche. Mittels Plastikschlauch durch die Vagina oder Nadel durch die Bauchdecke werden einige Fetzchen der Chorionzellen der Plazenta entnommen. Diese enthalten das gleiche Erbgut wie die Zellen des Embryos. Resultat nach drei Tagen bekannt. Erhöhtes Risiko einer Fehlgeburt.

Lektüre

 Birgit Zebothsen, Späte Schwangerschaft, kein Problem, Nymphenburger, Fr. 27.50.

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