Eltern haften
für ihre Kinder
Der Möglichkeitenkatalog
der Fruchtbarkeitsindustrie setzt Eltern unter Perfektionszwang. Werden
sie es in Zukunft noch wagen, auf ganz normalem Wege ein Kind zu zeugen,
wenn mithilfe der Reproduktionsmedizin das optimale Kind realisierbar
ist?
Werden
Frauen im Laufe dieses Jahrhunderts bei der Fortpflanzung überflüssig?
Wachsen Kinder in sterilen, genauestens kontrollierbaren künstlichen
Gebärmüttern heran? Wird bei der Herstellung routinemäßig
ein Klon vom Embryo angelegt, als Sicherheitskopie sozusagen, tiefgefroren
und schockkonserviert, der aufgetaut und großgezogen werden kann,
sollte dem Original etwas passieren? Sind Eltern mit ihren
Kindern nicht mehr biologisch verwandt, weil sie sich bei Eier- und
Samenagenturen die perfekten Rohsubstanzen gekauft haben,
um ihren Kindern in der Leistungsgesellschaft den entscheidenden Vorsprung
zu sichern? Werden alle Kinder künstlich hergestellt, damit das
Erbgut kontrolliert oder verändert werden kann, ehe die Lizenz
zum Leben ausgestellt wird? Bieten Reproduktionszentren ihren
anspruchsvollen Kunden ein gesichertes Produktmanagement
mit Rückgaberecht der Kinder, falls die Qualität oder
das Geschlecht nicht mit den bestellten Eigenschaften übereinstimmt?
Noch
läuft uns bei solchen Szenarien eine Gänsehaut den Rücken
hinunter. Aber vieles, was noch vor einigen Jahrzehnten als unmöglich
auch ethisch verwerflich erachtet wurde, ist heute bereits
an der Tagesordnung, anderes wird stillschweigend gemacht, ohne dass
die Öffentlichkeit viel davon erfährt, meint die Neonatologin
Marina Marcovich. Eizellen und Spermien sind ja schon als Rohmaterial
unbegrenzt lagerbar und makelbar. Nur die künstliche Plazenta funktioniert
derzeit erst drei bis vier Tage. Irgendwann wird diese auch länger
halten.
Bereits
jetzt ist das Geschäft der Zeugungsindustrie kein schlechtes. Allein
in den USA beträgt der Jahresumsatz zwei Milliarden Dollar. Der
Durchbruch soll aber noch bevorstehen. Dann nämlich, wenn auch
fruchtbare Frauen verstärkt auf die Methoden der Reagenzglasbefruchtung
zurückgreifen. Schon vor drei Jahren plädierte Peter
Husslein,
Gynäkologe aus Wien, gemeinsam mit einem Hormonspezialisten dafür,
jede Frau möge sich grundsätzlich mit 16 Jahren sterilisieren
lassen. Sind doch Kinder gewünscht, stünden die Möglichkeiten
der Reagenzglasbefruchtung (IVF) parat.
Schon
seit 1992 nehmen fruchtbare Frauen bei männlicher Unfruchtbarkeit
eine künstliche Befruchtung in Kauf. Bei der so genannten ICSI-Methode
spielt die Samenqualität so gut wie keine Rolle mehr. Der Arzt
führt dabei das Spermium mit einer Nadel in die Eizelle ein, und
somit entfällt selbst bei diesem Teilschritt der Zufallsfaktor.
Gesundheitswissenschaftlerin Beate Schücking gibt zu bedenken,
dass die Gruppe der fruchtbaren Frauen, die sich einer ICSI unterziehen,
längst größer ist als die Gruppe der unfruchtbaren Frauen:
Hier wird an der gesunden Frau die Krankheit des Partners
behandelt. Eine solch folgenreiche und für die Gesundheit der Frau
nicht risikolose Entscheidung sollte wohlüberlegt getroffen werden.
Ein
weiterer Nachteil ist die noch immer geringe Geburtenrate bei der IVF,
die zwischen 10 und 20 Prozent liegt. Fruchtbare Frauen, die sich auf
IVF oder ICSI einlassen, müssen daher in Kauf nehmen, eventuell
gar kein Kind zu bekommen.
Obwohl
eine langfristige wissenschaftliche Folgenabschätzung noch nicht
vorliegt, wird ICSI längst auch bei regulären
künstlichen Befruchtungen (auch in Deutschland) eingesetzt. Und
dies, obwohl mehrere Studien zeigen, dass auf diese Weise mehr Kinder
mit Behinderungen erzeugt werden, weil die natürliche Auswahl ausgeschaltet
wird. Ein Verdacht, der bislang von den Reproduktionsmedizinern nicht
abschließend aus der Welt geschafft werden konnte. Vielleicht
ist dies mit ein Grund, weshalb sich die Reproduktionsindustrie in Deutschland
so vehement für eine Aufhebung des Verbots der Präimplantationsdiagnostik
(PID) einsetzt.
Mit
PID können die Embryonen bereits vor Einpflanzung in den Mutterleib
genetisch auf Erbkrankheiten (und Geschlecht oder andere erwünschte
oder unerwünschte genetische Merkmale) überprüft werden.
Nur die Guten werden verpflanzt, die Aussortierten
finden in der Stammzellforschung dankbare Abnehmer. Die PID spielt eine
Schlüsselrolle bei der Kontrolle menschlicher Fortpflanzung. Mit
Gentests am Embryo kann das menschliche Erbgut nach bestimmten Qualitätsmerkmalen
selektiert und später vielleicht sogar verändert werden.
Aus
Reproduktionsmedizin wird so Reprogenetik, die Verknüpfung von
Fortpflanzung und auswahlgesteuerter Optimierung der Produkte.
Noch
ist PID in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten. In
England, den USA, China, Russland, Belgien und Spanien sowie sieben
weiteren europäischen Ländern findet diese Methode jedoch
bereits Anwendung. Zunächst war sie nur für Risikopaare mit
diagnostizierter Disposition zu schwersten Erbkrankheiten vorgesehen.
Inzwischen hat sich herausgestellt, dass in zahlreichen Fällen,
in denen PID zur Anwendung kam, die Indikation einzig das Alter der
Patientin war. Ist sie über 35 Jahre alt, ist ihr statistisches
Risiko, ein Kind mit Downsyndrom (Trisomie 21) zu bekommen, leicht erhöht.
Allerdings wird oft vergessen, dass alle PID-überprüften Schwangerschaften
nochmals per Pränataldiagnostik nachuntersucht werden, denn auch
bei der PID gibt es keine Garantie.
In
Deutschland wird PID von einer breiten Kritikerfront abgelehnt. Auch
die Enquetekommission des Bundestages Recht und Ethik der modernen
Medizin ist zu der Einschätzung gelangt, dass es weiterhin
untersagt bleiben solle, menschliche Embryonen nach künstlicher
Befruchtung außerhalb des Mutterleibs einer Diagnose zu unterziehen
und genetisch belastete Embryonen gegebenenfalls zu verwerfen.
Embryonen auf Probe herzustellen und nur die zum Einsatz
zu bringen, die den Gentest bestanden haben, ist nach Ansicht der Enquetekommission
nicht mit dem deutschen Embryonenschutzgesetz vereinbar.
Die
Soziologieprofessorin Therese Neuer-Miebach ist davon überzeugt,
dass PID von den Reproduktionsmedizinern hauptsächlich gefordert
wird, um sich die besten Embryonen mit den größten Erfolgschancen
aussuchen zu können: Noch nie zuvor wurde ein Gesetz geändert,
um 100 bis 150 Einzelfälle zu bedienen, denn um so viele Hochrisikopaare
soll es sich in Deutschland lediglich handeln. Ich glaube nicht, dass
nur die Ökonomie des Heilens diese Eile in der Diskussion und das
Drängen auf gesetzliche Entscheidungen auslöst, sondern ganz
klar die Ökonomie wirtschaftlicher und forschungspolitischer Dimensionen.
Dies
wurde durch einen neuen Vorstoß der Reproduktionsmediziner indirekt
bestätigt. Zum Abschluss eines Symposiums in der Evangelischen
Akademie Tutzing regte Franz Geisthövel, Vizepräsident der
Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und
Fortpflanzungsmedizin, forsch an, PID auch bei habituellem Abort
einzusetzen. Dies wäre dann der Freibrief, PID in (fast) jede Unfruchtbarkeitsbehandlung
einzubeziehen, denn Frühabgänge sind ja gerade das größte
Problem bei der künstlichen Befruchtung und der Hauptgrund, weshalb
die Erfolgsraten ihren Namen eigentlich nicht verdienen.
Reprokult,
ein Arbeitszusammenschluss verschiedener Verbände, Vereine, Institutionen
und Einzelpersonen, gibt zu bedenken, dass bislang zudem ungeklärt
ist, ob es infolge der PID-Untersuchung (dem Embryo werden ein bis zwei
Zellen entnommen) nicht sogar zur Schädigung des Embryos und des
zukünftigen Kindes kommen kann. Auch wendet sich Reprokult gegen
die Instrumentalisierung von Frauenbedürfnissen für Forschungsinteressen.
Denn, und das stellt nicht nur Reprokult fest, die PID ist für
die biomedizinische Forschung von vitalstem Interesse. So schafft sie
die von der Forschung so begehrten überzähligen
Embryonen, aber auch die Voraussetzung für Keimbahneingriffe. Therese
Neuer-Miebach sieht einen kulturellen Bruch auf uns zukommen: Unser
Verhältnis zu Eizellen und zum Lebensbeginn wird sich ändern
mit noch gar nicht absehbaren Konsequenzen für zukünftige
Generationen. Besonders Eingriffe in die Keimbahn, die durch PID möglich
werden, führen zu irreversiblen Schritten.
Das
Verhältnis zu Ei- und Samenzellen hat sich offenbar schon gewandelt,
das zeigt jetzt die Unterhaltungsindustrie, immer bereit, aktuelle Trends
für eigene Zwecke zu nutzen. In den Niederlanden werden demnächst
einige Kinder ihr Leben einer TV-Sendung zu verdanken haben. Dort nämlich
bastelt Big Brother-Produzent John de Mol an einem neuen Knüller.
In I want your baby, so der Arbeitstitel, können sich
schon bald ledige Frauen aus 30 Kandidaten ihren favorisierten Spermaspender
aussuchen. Ob die Befruchtung per Reagenzglas oder aber durch die traditionelle
Methode des Geschlechtsverkehrs zustande kommen soll, entscheiden die
Frauen selbst. In unserem liberalen Nachbarland schlugen nach Bekanntwerden
der Pläne die Diskussionswogen hoch. Mit dieser Sendung würde
der Radikalfeminismus massentauglich für die Abendunterhaltung,
argumentierten Kritiker. Männer, so hieß es voller Sorge,
würden zu Samenspendern reduziert, und Frauen hätten künftig
keine Verwendung mehr für sie.
Ist
das so? Wird die Rolle der Frau durch die neuen reproduktiven Technologien
gestärkt und die des Mannes geschwächt, oder ist es im Grunde
nicht umgekehrt? Verlieren Frauen ihre Selbstbestimmung, wenn sie sich
Babys machen lassen?
Zunächst
mag es so aussehen, als ob die künstliche Befruchtung Frauen größere
Wahlfreiheit ermögliche.
Tatsächlich
aber geraten Frauen durch den sich fast monatlich erweiternden Möglichkeitenkatalog
der Fruchtbarkeitsindustrie unter völlig neue Zwänge. Sie
haben auf einmal die Aufgabe und die Pflicht, gesunde und möglichst
perfekte Kinder zeugen zu lassen und zu gebären. Frauen über
35, die eine Fruchtwasseruntersuchung ablehnen, weil sie ihr zukünftiges
Kind auch behindert akzeptieren würden, stoßen in ihrer Umwelt
schon heute auf offene Ablehnung, wenn nicht gar Entrüstung. Die
Eltern stehen unter einem hohen Druck. Der Spruch Eltern haften
für ihre Kinder bekommt eine ganz neue Bedeutung.
Die
Schwangerschaft einst Zeit der guten Hoffnung
ist längst zu einer Zeit einer engmaschigen Rasterfahndung geworden.
Mutter und Kind müssen stets aufs Neue unter Beweis stellen, dass
sie der Norm entsprechen. Doch eine Garantie für ein gesundes Kind
gibt es nicht. Die versprochene Sicherheit stellt sich als Scheinsicherheit
heraus. Denn die heute angebotenen vorgeburtlichen Tests können
nur zirca fünf Prozent aller möglichen Schädigungen aufdecken.
Selbst wenn man eines Tages so weit wäre, dass alle genetischen
Dispositionen für Krankheiten zu entdecken wären, würden
wir noch lange keine Welt ohne Behinderungen haben. Drei Prozent aller
Neugeborenen kommen mit Fehlbildungen auf die Welt. Davon sind lediglich
ein Prozent genetisch bedingt, zwei Prozent entstehen während der
Schwangerschaft oder im Verlauf der Geburt, und über 90 Prozent
aller Behinderungen entstehen im späteren Leben durch Arbeits-
und Verkehrsunfälle. Vergessen werden sollte auch nicht die Tatsache,
dass die Methoden der künstlichen Befruchtung die Gefahren einer
Frühgeburt bis um ein Fünffaches erhöhen, was wiederum
vielfältigste Behinderungen nach sich ziehen kann. Die Mehrlingsrate
bei IVF beträgt 40 Prozent, davon kommen 75 Prozent zu früh
zur Welt. Diese Frühchen wiederum tragen aufgrund der intensiven
medizinischen Behandlung, die ihr Leben retten soll, oft lebenslange
schwerste Behinderungen davon.
Literaturtipp
Theresia Maria de Jong hat soeben im Beltz Verlag Weinheim ein aktuelles
Buch zum Thema herausgebracht: Babys aus dem Labor. Segen oder Fluch?
Autorin:
Martina Keller
Ich
fühle mich auf der
ganzen Linie als Verliererin
Kinderwunschbehandlungen
belasten nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche
Julia
war 41, als ihr nach künstlicher Befruchtung erstmals Embryonen
übertragen wurden. 14 Tage später war sie schwanger. In der
achten Woche musste sie zu einer Routinekontrolle in die Klinik. Es
war Weihnachten. Ausgelassen alberte Julia morgens mit ihrem Mann herum.
Sie schlug ihm vor, mit in die Klinik zu kommen, damit er zum ersten
Mal im Ultraschall ihr Kind sehen könne. Doch als der Scanner über
ihren Bauch fuhr, waren keine Herztöne mehr festzustellen. Ohne
vorherige Warnzeichen hatte das Herz des Embryos zu schlagen aufgehört.
Für Julia brach eine Welt zusammen. Aber sie behielt im Ohr, was
die Ärztin sagte, die an ihr die Ausschabung vornahm: Sie
werden leicht schwanger.
Im
Januar, als sich Julias Periode wieder eingestellt hatte, ließ
sie sich erneut einen Termin in der Darmstädter Klinik geben. Wie
immer behandelte sie der Chefarzt persönlich. Er fragte nicht lange.
Am besten machen wir gleich weiter. Sie haben keine Zeit zu verlieren,
sagte er. Ehe Julia realisierte, was das bedeutete, hatte er ihr das
Mittel gespritzt, das eine neue hormonelle Stimulation einleitet. Dabei
hatte sie mit ihrem Mann noch gar nicht besprochen, wie es weitergehen
sollte. Aber Julia war ein williges Opfer: Ich hab mich zu wenig
gewehrt, sagt sie heute. Der zweite Versuch war ein Desaster.
Am Tag der Eizellpunktion hatte sie Fieber. Nur wenige Eier waren gereift.
Sie wurde nicht schwanger.
Beim
dritten Mal stand ein Kryoversuch an. Dabei werden befruchtete Eizellen
übertragen, die bei vorangegangenen Versuchen übrig waren
und eingefroren wurden. Julia musste Hormontabletten schlucken, um ihren
Körper auf die mögliche Schwangerschaft einzustimmen. Sie
nahm stark zu, aber sie wusste ja, wofür sie das alles auf sich
nahm. Doch 14 Tage nach dem Embryonentransfer setzte die Blutung ein.
Julia
wurde nie von einem Arzt gefragt, wie es ihr bei all dem ging. In
dieser Medizin geht ganz verloren, dass es die Entscheidung der Frau,
dass es ihr Körper ist, sagt Monika Fränznick vom Feministischen
Frauengesundheitszentrum in Berlin (FFGZ), die Frauen bei Unfruchtbarkeitsbehandlungen
berät. Sie warnt ihre Klientinnen vor diesem Sog, wo eine
Behandlung auf die andere folgt, wo der Blick reduziert wird auf das
körperlich-organische Verfahren. Sie plädiert dafür,
der Medizin Grenzen zu setzen. Ich sag den Frauen immer: Egal
für welches Verfahren Sie sich entschieden haben: Überlegen
Sie sich, wie lange Sie das machen, wie weit Sie gehen wollen, wann
Sie eine Pause einlegen, wann Schluss ist.
Hanna
ist ein Familienmensch. Ihre beiden Geschwister haben Kinder, und auch
für sie stand fest, dass sie welche wollte. Zwei Jahre probierten
sie und ihr Mann ihr Glück, aber Hanna wurde nicht schwanger. In
der Reproduktionsklinik stellten die Mediziner fest, dass bei beiden
die Fruchtbarkeit beeinträchtigt war. Hanna, 30, war froh über
diese Diagnose, weil so beide an der Kinderlosigkeit Schuld
hatten. Beim ersten ICSI-Versuch war das Paar sich fast sicher, dass
es klappen würde. Die Ärzte hatten zwar etwas von 30 Prozent
Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft erzählt, aber
Hanna konnte sich darunter nichts vorstellen. Warum sollte sich das
befruchtete Ei nicht einnisten? Umso größer war die Enttäuschung,
als ihre Blutung einsetzte.
Beim
zweiten Versuch waren beider Erwartungen gedämpft, aber nun wurde
Hanna schwanger. Bloß entwickelte sich der Embryo nicht richtig.
Wochenlang schwankte das Paar zwischen Hoffnung und Enttäuschung.
Als die Ärzte in der zehnten Woche den Tod des Embryos feststellten,
weinte Hanna 14 Tage fast ununterbrochen. Im Nachhinein ist sie froh
über ihre heftige Reaktion: Man muss Trauerarbeit leisten,
um frei zu sein für ein neues Baby. Aber das ließ auf
sich warten. Zwei Spritzenversuche. Ein Kryoversuch. Ein Spritzenversuch.
Ein weiterer Spritzenversuch. Alles ohne Erfolg.
Hanna
hatte durch ihren Kummer und die Hormonbehandlung stark zugenommen.
Ihr Mann wollte aufhören. Er mochte ihr nicht mehr wehtun, indem
er ihr die nötigen Hormonspritzen setzte. Er wollte endlich wieder
ein normales Beziehungsleben.
Für
spontane Sexualität ließ die Behandlung wenig Raum: Entweder
man bekommt gesagt, in der und der Zeit kein Verkehr wegen Infektionsgefahr.
Oder in der und der Zeit kein Verkehr, weil die Frau sich nicht wohl
fühlt, weil sie einen Bauch hat wegen der vielen Eizellen.
Alles lief nach dem Kalender und nach der Uhr. Wenn bei Hanna nach 14-tägiger
Hormonstimulation morgens um acht unter Narkose Eier geerntet worden
waren, musste ihr Mann mit seinem warm gehaltenen Sperma pünktlich
zur Stelle sein. Das war immer ein Drama, sagt Hanna. Immerhin:
Er hat es stets rechtzeitig geschafft.
Bevor
die Krise zwischen Hanna und ihrem Mann eskalierte, entschied sie: Jetzt
mache ich Urlaub vom Kinderwunsch. Sie schloss sich einer Diätgruppe
an und nahm 20 Kilo ab. Das halbe Jahr ohne Behandlungsstress war wichtig
für das Paar: Es war uns klar, dass wir auch ohne Kinder
leben können. Dann kam es doch anders. Hanna ist mittlerweile
im sechsten Monat schwanger. Der erste Versuch nach der Behandlungspause
war erfolgreich.
Auch
wenn das Wunschkind nicht unterwegs wäre: Hanna und ihr Mann hatten
gute Chancen, die Kinderwunschbehandlung gemeinsam zu bewältigen.
Paare, die durch die Krise näher zusammenrücken, statt sich
zu entzweien, setzen der Therapie Grenzen. Sie denken über Alternativen
nach und lassen sich Zeit. Psychologische Betreuung könnte dabei
helfen. Tatsächlich ist im deutschen Sozialgesetzbuch eine von
der Behandlung unabhängige Beratung vorgeschrieben, die auch psychische
Aspekte umfassen soll. Doch diese Vorschrift wird nicht in allen reproduktionsmedizinischen
Zentren umgesetzt. Es gibt eine Reihe von Zentren, die haben einen
Psychologen eingebunden. Es gibt aber auch welche, die halten das für
Schnickschnack, sagt Heribert Kentenich von der Virchow-Klinik
Berlin.
Kentenich,
selbst Reproduktionsmediziner und Psychotherapeut, hält eine unabhängige
Beratung noch aus einem anderen Grund für wichtig. Der Arzt
hat ein finanzielles Interesse an der Behandlung. Daher hantiert er
mit Zahlen, die er gerne hat und die die Patientin gerne hat.
Oft
ist der Wunsch nach einem Kind von anderen Wünschen überlagert:
durch das Kind die Partnerschaft zu stabilisieren, sich von den eigenen
Eltern abzugrenzen, jung zu bleiben, die eigene Fruchtbarkeit zu beweisen.
In der Kinderwunschsprechstunde am Heidelberger Universitätsklinikum
ist deshalb auch Thema der Beratung, warum ein Paar sich ein Kind wünscht.
Nicht weil die Psychologen wie Detektive nach unbewussten Konflikten
forschen wollen. Sondern weil ein Paar viele Veränderungen, die
es mit einem Kind verknüpft, auch unabhängig vom Kind vornehmen
kann. Das nimmt Druck und schafft Raum für neue Perspektiven. Wenn
etwa eine Frau unzufrieden im Beruf ist und sich ein Baby wünscht,
um eine Pause einlegen zu dürfen, kann sie unabhängig davon
nach beruflichen Alternativen suchen. Wenn ein Mann hofft, mit einem
eigenen Kind von seinen Eltern endlich ernst genommen zu werden, kann
er lernen, das auch ohne Kind selbstbewusst einzufordern.
Je
später ein Paar sich mit der Möglichkeit auseinander setzt,
trotz aller Therapien kinderlos zu bleiben, umso problematischer ist
die Situation. Sie hoffen immer stärker und fallen immer
tiefer, sagt FFGZ-Beraterin Monika Fränznick. Barbara Maier,
Oberärztin am Landeskrankenhaus Salzburg, hat bei Frauen regelrecht
süchtiges Verhalten beobachtet. Die Struktur des Lebens ist
dann der unerfüllte Kinderwunsch, sagt sie. Die Frauen sind
bereit, jede Behandlung über sich ergehen zu lassen. Begierig greifen
sie Meldungen über neue Verfahren auf. Wenn ihnen eine gewünschte
Therapie verweigert wird, wechseln sie den Arzt. Sie wollen so viele
Versuche wie nur möglich. Die atemlose Abfolge der Therapien erspart
ihnen die schmerzliche Auseinandersetzung mit der möglichen Kinderlosigkeit.
Doch das ständige Ausweichen vor der Krise heizt das süchtige
Verlangen weiter an. Das ganze Leben ist verklebt, verklebt mit
dem Kinderwunsch, sagt Maier.
Wie
bei Julia. Der Kinderwunsch der mittlerweile 45-Jährigen ist so
stark wie zuvor. Das setzt sich fest wie ein Geschwür. Man
ist gar nicht mehr offen für andere Dinge. Wenn sie durch
die Stadt geht, zählt sie die Frauen mit dickem Bauch und Kinderwagen
und schätzt ihr Alter. Den Kontakt zu Freundinnen mit Kindern hat
sie abgebrochen. Sie hat ihren Mann vor allem geheiratet, um mit ihm
eine Familie zu gründen. Was wird nun aus der Ehe? Ich fühle
mich auf der ganzen Linie als Verliererin.
Wir
müssen über Fruchtbarkeit als Ressource aufklären
Ein Gespräch
mit Elmar Brähler, Leiter der Abteilung für medizinische Psychologie
und medizinische Soziologie der Universität Leipzig, über
die Ursachen der ungewollten Kinderlosigkeit
PSYCHOLOGIE
HEUTE
Wie stark sind denn Frauen durch ungewollte Kinderlosigkeit belastet?
ELMAR
BRÄHLER Für Frauen ist ungewollte Kinderlosigkeit eine
der traumatischsten Erfahrungen im Leben und kann starke Trauerreaktionen
auslösen. Dennoch ist zu überlegen, ob die Reproduktionsmedizin
diesen Frauen tatsächlich hilft. Sie hilft einigen, aber nicht
allen. Im Schnitt gehen 30 Prozent der Frauen, eher weniger, erfolgreich
aus der Behandlung. Da stellt sich die Frage, ob die Medizin bei den
anderen nicht zu viele Hoffnungen weckt und die Probleme noch verschärft.
Es gibt viele Paare, denen vor der Behandlung nicht klar ist, was da
auf sie zukommt. Wenn sie es wüssten, würden sie sich womöglich
anders entscheiden.
PH
Könnte eine psychologische Beratung den Paaren helfen?
BRÄHLER
Das Sozialgesetzbuch schreibt eine unabhängige Beratung ähnlich
wie beim Schwangerschaftskonflikt vor. Leider findet sie nur selten
statt, weil die Mediziner Angst haben, die Patienten könnten sich
danach gegen die Behandlung entscheiden. Nicht alle Paare brauchen diese
Beratung, ein Teil aber schon. Ein Zehntel erlebt schwere depressive
Reaktionen. Zum Beispiel wenn die Frau ein Kind durch eine Fehlgeburt
verliert. Oder wenn die gesamte Therapie ohne Erfolg beendet werden
muss. Es gibt auch Paare mit starken Konflikten, etwa wenn ein Partner
den Misserfolg stärker bedauert als der andere. Oder wenn das Paar
vom Bekanntenkreis oder den Eltern gedrängt wird, ein Kind zu bekommen.
Um solche Problemfälle herauszufinden, empfehlen wir, vor Behandlungsbeginn
die Vorgeschichte zu erkunden. Denn oft handelt es sich um Paare, die
schon stark belastet und verwundbar in die medizinische Behandlung gehen.
PH
Es heißt immer, dass 15 bis 20 Prozent aller Paare ungewollt kinderlos
bleiben. Das klingt dramatisch.
BRÄHLER
Ich höre immer die hohen Zahlen über die ungewollte Kinderlosigkeit,
wo alle Kinderlosen als steril bezeichnet werden. Das empört mich
jedes Mal, weil das viel komplizierter ist. Dramatisch ist momentan
die Zunahme der gewollten Kinderlosigkeit. Wir haben gerade eine
Umfrage unter 20- bis 50-Jährigen gemacht: Weniger als zehn Prozent
wünschen sich aktuell ein Kind.
PH
Zumindest in den alten Bundesländern und in der Altersgruppe der
35- bis 39-Jährigen ist die ungewollte Kinderlosigkeit beachtlich.
Sie liegt bei 13 Prozent. Haben wir es da mit einem massiven medizinischen
Problem zu tun?
BRÄHLER
Die wichtigsten Faktoren für die Fruchtbarkeit sind Alter und Sexualverhalten.
In der früheren DDR waren die Unfruchtbarkeitsraten ganz niedrig.
Die Kinderlosigkeit des Jahrgangs 1955 lag bei unter sieben Prozent
und da sind die gewollt Kinderlosen mitgerechnet. Kinder brachten
in der DDR eben viele Vorteile, Kredite oder Wohnungen zum Beispiel.
Frauen wurde der Arbeitsplatz garantiert, es gab ausreichend Krippen.
Da konnten es sich die Paare leisten, früh Kinder zu bekommen.
Eine 25-Jährige galt schon als Spätgebärende, obwohl
eine Frau in diesem Alter noch gute Aussichten hat, schwanger zu werden.
Heute überlegen sich Paare sehr spät, ein Kind zu bekommen.
Eine Frau um die 40 hat aber nur noch eine sehr geringe Chance, schwanger
zu werden, ob mit oder ohne Reproduktionsmedizin. Diese altersbedingte
Unfruchtbarkeit wird zum medizinischen Problem umdefiniert.
Das tatsächliche Problem ist aber, dass der Kinderwunsch in unserer
Gesellschaft sehr lange hinausgeschoben wird. Das hat mit den Lebensbedingungen
zu tun. Die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen oft nicht. Wenn da
keine Hilfestellung gegeben wird, haben wir später ein angeblich
medizinisches Problem, das wir sonst nicht hätten.
PH
Die Gesellschaft zu ändern ist schwierig. Kann man überhaupt
etwas tun?
BRÄHLER
Wir müssen über Fruchtbarkeit als Ressource aufklären.
Es wird jungen Leuten suggeriert, dass sie ihren Lebensplan beliebig
gestalten und später noch ein Kind bekommen können. Die Reproduktionsmedizin
erweckt den Anschein, es sei kein Problem, den Kinderwunsch hinauszuschieben,
sie werde dann schon helfen. Das ist ein trügerisches Versprechen,
es führt in die Irre. Damit wir uns nicht missverstehen: Es geht
mir nicht darum, jemanden von frühen Schwangerschaften zu überzeugen.
Es geht mir nur darum, dass keine falschen Informationen in die Welt
gesetzt werden.
Mit
Professor Elmar Brähler sprach Martina Keller
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