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Psychologie Heute 11/2002, Seite 64
Rubrik: Unerfüllter Kinderwunsch
Autorin: Theresia Maria de Jong

 

Eltern haften
für ihre Kinder

Der Möglichkeitenkatalog der Fruchtbarkeitsindustrie setzt Eltern unter Perfektionszwang. Werden sie es in Zukunft noch wagen, auf ganz normalem Wege ein Kind zu zeugen, wenn mithilfe der Reproduktionsmedizin das optimale Kind realisierbar ist?

Werden Frauen im Laufe dieses Jahrhunderts bei der Fortpflanzung überflüssig? Wachsen Kinder in sterilen, genauestens kontrollierbaren künstlichen Gebärmüttern heran? Wird bei der Herstellung routinemäßig ein Klon vom Embryo angelegt, als Sicherheitskopie sozusagen, tiefgefroren und schockkonserviert, der aufgetaut und großgezogen werden kann, sollte dem „Original“ etwas passieren? Sind Eltern mit ihren Kindern nicht mehr biologisch verwandt, weil sie sich bei Eier- und Samenagenturen die perfekten „Rohsubstanzen“ gekauft haben, um ihren Kindern in der Leistungsgesellschaft den entscheidenden Vorsprung zu sichern? Werden alle Kinder künstlich hergestellt, damit das Erbgut kontrolliert oder verändert werden kann, ehe die „Lizenz zum Leben“ ausgestellt wird? Bieten Reproduktionszentren ihren anspruchsvollen Kunden ein gesichertes „Produktmanagement“ mit Rückgaberecht der Kinder, falls die Qualität – oder das Geschlecht – nicht mit den bestellten Eigenschaften übereinstimmt?

„Noch läuft uns bei solchen Szenarien eine Gänsehaut den Rücken hinunter. Aber vieles, was noch vor einigen Jahrzehnten als unmöglich – auch ethisch verwerflich – erachtet wurde, ist heute bereits an der Tagesordnung, anderes wird stillschweigend gemacht, ohne dass die Öffentlichkeit viel davon erfährt“, meint die Neonatologin Marina Marcovich. „Eizellen und Spermien sind ja schon als Rohmaterial unbegrenzt lagerbar und makelbar. Nur die künstliche Plazenta funktioniert derzeit erst drei bis vier Tage. Irgendwann wird diese auch länger halten.“

Bereits jetzt ist das Geschäft der Zeugungsindustrie kein schlechtes. Allein in den USA beträgt der Jahresumsatz zwei Milliarden Dollar. Der Durchbruch soll aber noch bevorstehen. Dann nämlich, wenn auch fruchtbare Frauen verstärkt auf die Methoden der Reagenzglasbefruchtung zurückgreifen. Schon vor drei Jahren plädierte Peter Husslein, Gynäkologe aus Wien, gemeinsam mit einem Hormonspezialisten dafür, jede Frau möge sich grundsätzlich mit 16 Jahren sterilisieren lassen. Sind doch Kinder gewünscht, stünden die Möglichkeiten der Reagenzglasbefruchtung (IVF) parat.

Schon seit 1992 nehmen fruchtbare Frauen bei männlicher Unfruchtbarkeit eine künstliche Befruchtung in Kauf. Bei der so genannten ICSI-Methode spielt die Samenqualität so gut wie keine Rolle mehr. Der Arzt führt dabei das Spermium mit einer Nadel in die Eizelle ein, und somit entfällt selbst bei diesem Teilschritt der Zufallsfaktor. Gesundheitswissenschaftlerin Beate Schücking gibt zu bedenken, dass die Gruppe der fruchtbaren Frauen, die sich einer ICSI unterziehen, längst größer ist als die Gruppe der unfruchtbaren Frauen: „Hier wird an der gesunden Frau die ‚Krankheit‘ des Partners behandelt. Eine solch folgenreiche und für die Gesundheit der Frau nicht risikolose Entscheidung sollte wohlüberlegt getroffen werden.“

Ein weiterer Nachteil ist die noch immer geringe Geburtenrate bei der IVF, die zwischen 10 und 20 Prozent liegt. Fruchtbare Frauen, die sich auf IVF oder ICSI einlassen, müssen daher in Kauf nehmen, eventuell gar kein Kind zu bekommen.

Obwohl eine langfristige wissenschaftliche Folgenabschätzung noch nicht vorliegt, wird ICSI längst auch bei „regulären“ künstlichen Befruchtungen (auch in Deutschland) eingesetzt. Und dies, obwohl mehrere Studien zeigen, dass auf diese Weise mehr Kinder mit Behinderungen erzeugt werden, weil die natürliche Auswahl ausgeschaltet wird. Ein Verdacht, der bislang von den Reproduktionsmedizinern nicht abschließend aus der Welt geschafft werden konnte. Vielleicht ist dies mit ein Grund, weshalb sich die Reproduktionsindustrie in Deutschland so vehement für eine Aufhebung des Verbots der Präimplantationsdiagnostik (PID) einsetzt.

Mit PID können die Embryonen bereits vor Einpflanzung in den Mutterleib genetisch auf Erbkrankheiten (und Geschlecht oder andere erwünschte oder unerwünschte genetische Merkmale) überprüft werden. Nur die „Guten“ werden verpflanzt, die „Aussortierten“ finden in der Stammzellforschung dankbare Abnehmer. Die PID spielt eine Schlüsselrolle bei der Kontrolle menschlicher Fortpflanzung. Mit Gentests am Embryo kann das menschliche Erbgut nach bestimmten Qualitätsmerkmalen selektiert und später vielleicht sogar verändert werden.

Aus Reproduktionsmedizin wird so Reprogenetik, die Verknüpfung von Fortpflanzung und auswahlgesteuerter Optimierung der „Produkte“.

Noch ist PID in Deutschland durch das Embryonenschutzgesetz verboten. In England, den USA, China, Russland, Belgien und Spanien sowie sieben weiteren europäischen Ländern findet diese Methode jedoch bereits Anwendung. Zunächst war sie nur für Risikopaare mit diagnostizierter Disposition zu schwersten Erbkrankheiten vorgesehen. Inzwischen hat sich herausgestellt, dass in zahlreichen Fällen, in denen PID zur Anwendung kam, die Indikation einzig das Alter der Patientin war. Ist sie über 35 Jahre alt, ist ihr statistisches Risiko, ein Kind mit Downsyndrom (Trisomie 21) zu bekommen, leicht erhöht. Allerdings wird oft vergessen, dass alle PID-überprüften Schwangerschaften nochmals per Pränataldiagnostik nachuntersucht werden, denn auch bei der PID gibt es keine Garantie.

In Deutschland wird PID von einer breiten Kritikerfront abgelehnt. Auch die Enquetekommission des Bundestages „Recht und Ethik der modernen Medizin“ ist zu der Einschätzung gelangt, dass es weiterhin untersagt bleiben solle, menschliche Embryonen nach künstlicher Befruchtung außerhalb des Mutterleibs einer Diagnose zu unterziehen und genetisch belastete Embryonen gegebenenfalls „zu verwerfen“. Embryonen „auf Probe“ herzustellen und nur die zum Einsatz zu bringen, die den Gentest bestanden haben, ist nach Ansicht der Enquetekommission nicht mit dem deutschen Embryonenschutzgesetz vereinbar.

Die Soziologieprofessorin Therese Neuer-Miebach ist davon überzeugt, dass PID von den Reproduktionsmedizinern hauptsächlich gefordert wird, um sich die besten Embryonen mit den größten Erfolgschancen aussuchen zu können: „Noch nie zuvor wurde ein Gesetz geändert, um 100 bis 150 Einzelfälle zu bedienen, denn um so viele Hochrisikopaare soll es sich in Deutschland lediglich handeln. Ich glaube nicht, dass nur die Ökonomie des Heilens diese Eile in der Diskussion und das Drängen auf gesetzliche Entscheidungen auslöst, sondern ganz klar die Ökonomie wirtschaftlicher und forschungspolitischer Dimensionen.“

Dies wurde durch einen neuen Vorstoß der Reproduktionsmediziner indirekt bestätigt. Zum Abschluss eines Symposiums in der Evangelischen Akademie Tutzing regte Franz Geisthövel, Vizepräsident der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologische Endokrinologie und Fortpflanzungsmedizin, forsch an, PID auch bei „habituellem Abort“ einzusetzen. Dies wäre dann der Freibrief, PID in (fast) jede Unfruchtbarkeitsbehandlung einzubeziehen, denn Frühabgänge sind ja gerade das größte Problem bei der künstlichen Befruchtung und der Hauptgrund, weshalb die „Erfolgsraten“ ihren Namen eigentlich nicht verdienen.

Reprokult, ein Arbeitszusammenschluss verschiedener Verbände, Vereine, Institutionen und Einzelpersonen, gibt zu bedenken, dass bislang zudem ungeklärt ist, ob es infolge der PID-Untersuchung (dem Embryo werden ein bis zwei Zellen entnommen) nicht sogar zur Schädigung des Embryos und des zukünftigen Kindes kommen kann. Auch wendet sich Reprokult gegen die Instrumentalisierung von Frauenbedürfnissen für Forschungsinteressen. Denn, und das stellt nicht nur Reprokult fest, die PID ist für die biomedizinische Forschung von vitalstem Interesse. So schafft sie die von der Forschung so begehrten „überzähligen“ Embryonen, aber auch die Voraussetzung für Keimbahneingriffe. Therese Neuer-Miebach sieht einen kulturellen Bruch auf uns zukommen: „Unser Verhältnis zu Eizellen und zum Lebensbeginn wird sich ändern – mit noch gar nicht absehbaren Konsequenzen für zukünftige Generationen. Besonders Eingriffe in die Keimbahn, die durch PID möglich werden, führen zu irreversiblen Schritten.“

Das Verhältnis zu Ei- und Samenzellen hat sich offenbar schon gewandelt, das zeigt jetzt die Unterhaltungsindustrie, immer bereit, aktuelle Trends für eigene Zwecke zu nutzen. In den Niederlanden werden demnächst einige Kinder ihr Leben einer TV-Sendung zu verdanken haben. Dort nämlich bastelt Big Brother-Produzent John de Mol an einem neuen Knüller. In „I want your baby“, so der Arbeitstitel, können sich schon bald ledige Frauen aus 30 Kandidaten ihren favorisierten Spermaspender aussuchen. Ob die Befruchtung per Reagenzglas oder aber durch die traditionelle Methode des Geschlechtsverkehrs zustande kommen soll, entscheiden die Frauen selbst. In unserem liberalen Nachbarland schlugen nach Bekanntwerden der Pläne die Diskussionswogen hoch. Mit dieser Sendung würde der Radikalfeminismus massentauglich für die Abendunterhaltung, argumentierten Kritiker. Männer, so hieß es voller Sorge, würden zu Samenspendern reduziert, und Frauen hätten künftig keine Verwendung mehr für sie.

Ist das so? Wird die Rolle der Frau durch die neuen reproduktiven Technologien gestärkt und die des Mannes geschwächt, oder ist es im Grunde nicht umgekehrt? Verlieren Frauen ihre Selbstbestimmung, wenn sie sich Babys „machen“ lassen?

Zunächst mag es so aussehen, als ob die künstliche Befruchtung Frauen größere Wahlfreiheit ermögliche.

Tatsächlich aber geraten Frauen durch den sich fast monatlich erweiternden Möglichkeitenkatalog der Fruchtbarkeitsindustrie unter völlig neue Zwänge. Sie haben auf einmal die Aufgabe und die Pflicht, gesunde und möglichst perfekte Kinder zeugen zu lassen und zu gebären. Frauen über 35, die eine Fruchtwasseruntersuchung ablehnen, weil sie ihr zukünftiges Kind auch behindert akzeptieren würden, stoßen in ihrer Umwelt schon heute auf offene Ablehnung, wenn nicht gar Entrüstung. Die Eltern stehen unter einem hohen Druck. Der Spruch „Eltern haften für ihre Kinder“ bekommt eine ganz neue Bedeutung.

Die Schwangerschaft – einst Zeit der „guten Hoffnung“ – ist längst zu einer Zeit einer engmaschigen Rasterfahndung geworden. Mutter und Kind müssen stets aufs Neue unter Beweis stellen, dass sie der Norm entsprechen. Doch eine Garantie für ein gesundes Kind gibt es nicht. Die versprochene Sicherheit stellt sich als Scheinsicherheit heraus. Denn die heute angebotenen vorgeburtlichen Tests können nur zirca fünf Prozent aller möglichen Schädigungen aufdecken. Selbst wenn man eines Tages so weit wäre, dass alle genetischen Dispositionen für Krankheiten zu entdecken wären, würden wir noch lange keine Welt ohne Behinderungen haben. Drei Prozent aller Neugeborenen kommen mit Fehlbildungen auf die Welt. Davon sind lediglich ein Prozent genetisch bedingt, zwei Prozent entstehen während der Schwangerschaft oder im Verlauf der Geburt, und über 90 Prozent aller Behinderungen entstehen im späteren Leben durch Arbeits- und Verkehrsunfälle. Vergessen werden sollte auch nicht die Tatsache, dass die Methoden der künstlichen Befruchtung die Gefahren einer Frühgeburt bis um ein Fünffaches erhöhen, was wiederum vielfältigste Behinderungen nach sich ziehen kann. Die Mehrlingsrate bei IVF beträgt 40 Prozent, davon kommen 75 Prozent zu früh zur Welt. Diese Frühchen wiederum tragen aufgrund der intensiven medizinischen Behandlung, die ihr Leben retten soll, oft lebenslange schwerste Behinderungen davon.

Literaturtipp
Theresia Maria de Jong hat soeben im Beltz Verlag Weinheim ein aktuelles Buch zum Thema herausgebracht: Babys aus dem Labor. Segen oder Fluch?


Autorin: Martina Keller

„Ich fühle mich auf der
ganzen Linie als Verliererin“

Kinderwunschbehandlungen belasten nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche

Julia war 41, als ihr nach künstlicher Befruchtung erstmals Embryonen übertragen wurden. 14 Tage später war sie schwanger. In der achten Woche musste sie zu einer Routinekontrolle in die Klinik. Es war Weihnachten. Ausgelassen alberte Julia morgens mit ihrem Mann herum. Sie schlug ihm vor, mit in die Klinik zu kommen, damit er zum ersten Mal im Ultraschall ihr Kind sehen könne. Doch als der Scanner über ihren Bauch fuhr, waren keine Herztöne mehr festzustellen. Ohne vorherige Warnzeichen hatte das Herz des Embryos zu schlagen aufgehört. Für Julia brach eine Welt zusammen. Aber sie behielt im Ohr, was die Ärztin sagte, die an ihr die Ausschabung vornahm: „Sie werden leicht schwanger.“

Im Januar, als sich Julias Periode wieder eingestellt hatte, ließ sie sich erneut einen Termin in der Darmstädter Klinik geben. Wie immer behandelte sie der Chefarzt persönlich. Er fragte nicht lange. „Am besten machen wir gleich weiter. Sie haben keine Zeit zu verlieren“, sagte er. Ehe Julia realisierte, was das bedeutete, hatte er ihr das Mittel gespritzt, das eine neue hormonelle Stimulation einleitet. Dabei hatte sie mit ihrem Mann noch gar nicht besprochen, wie es weitergehen sollte. Aber Julia war ein williges Opfer: „Ich hab mich zu wenig gewehrt“, sagt sie heute. Der zweite Versuch war ein Desaster. Am Tag der Eizellpunktion hatte sie Fieber. Nur wenige Eier waren gereift. Sie wurde nicht schwanger.

Beim dritten Mal stand ein Kryoversuch an. Dabei werden befruchtete Eizellen übertragen, die bei vorangegangenen Versuchen übrig waren und eingefroren wurden. Julia musste Hormontabletten schlucken, um ihren Körper auf die mögliche Schwangerschaft einzustimmen. Sie nahm stark zu, aber sie wusste ja, wofür sie das alles auf sich nahm. Doch 14 Tage nach dem Embryonentransfer setzte die Blutung ein.

Julia wurde nie von einem Arzt gefragt, wie es ihr bei all dem ging. „In dieser Medizin geht ganz verloren, dass es die Entscheidung der Frau, dass es ihr Körper ist“, sagt Monika Fränznick vom Feministischen Frauengesundheitszentrum in Berlin (FFGZ), die Frauen bei Unfruchtbarkeitsbehandlungen berät. Sie warnt ihre Klientinnen vor „diesem Sog, wo eine Behandlung auf die andere folgt, wo der Blick reduziert wird auf das körperlich-organische Verfahren“. Sie plädiert dafür, der Medizin Grenzen zu setzen. „Ich sag den Frauen immer: ‚Egal für welches Verfahren Sie sich entschieden haben: Überlegen Sie sich, wie lange Sie das machen, wie weit Sie gehen wollen, wann Sie eine Pause einlegen, wann Schluss ist.‘“

Hanna ist ein Familienmensch. Ihre beiden Geschwister haben Kinder, und auch für sie stand fest, dass sie welche wollte. Zwei Jahre probierten sie und ihr Mann ihr Glück, aber Hanna wurde nicht schwanger. In der Reproduktionsklinik stellten die Mediziner fest, dass bei beiden die Fruchtbarkeit beeinträchtigt war. Hanna, 30, war froh über diese Diagnose, weil so beide an der Kinderlosigkeit „Schuld“ hatten. Beim ersten ICSI-Versuch war das Paar sich fast sicher, dass es klappen würde. Die Ärzte hatten zwar etwas von 30 Prozent Wahrscheinlichkeit für eine Schwangerschaft erzählt, aber Hanna konnte sich darunter nichts vorstellen. Warum sollte sich das befruchtete Ei nicht einnisten? Umso größer war die Enttäuschung, als ihre Blutung einsetzte.

Beim zweiten Versuch waren beider Erwartungen gedämpft, aber nun wurde Hanna schwanger. Bloß entwickelte sich der Embryo nicht richtig. Wochenlang schwankte das Paar zwischen Hoffnung und Enttäuschung. Als die Ärzte in der zehnten Woche den Tod des Embryos feststellten, weinte Hanna 14 Tage fast ununterbrochen. Im Nachhinein ist sie froh über ihre heftige Reaktion: „Man muss Trauerarbeit leisten, um frei zu sein für ein neues Baby.“ Aber das ließ auf sich warten. Zwei Spritzenversuche. Ein Kryoversuch. Ein Spritzenversuch. Ein weiterer Spritzenversuch. Alles ohne Erfolg.

Hanna hatte durch ihren Kummer und die Hormonbehandlung stark zugenommen. Ihr Mann wollte aufhören. Er mochte ihr nicht mehr wehtun, indem er ihr die nötigen Hormonspritzen setzte. Er wollte endlich wieder ein normales Beziehungsleben.

Für spontane Sexualität ließ die Behandlung wenig Raum: „Entweder man bekommt gesagt, in der und der Zeit kein Verkehr wegen Infektionsgefahr. Oder in der und der Zeit kein Verkehr, weil die Frau sich nicht wohl fühlt, weil sie einen Bauch hat wegen der vielen Eizellen.“ Alles lief nach dem Kalender und nach der Uhr. Wenn bei Hanna nach 14-tägiger Hormonstimulation morgens um acht unter Narkose Eier geerntet worden waren, musste ihr Mann mit seinem warm gehaltenen Sperma pünktlich zur Stelle sein. „Das war immer ein Drama“, sagt Hanna. Immerhin: Er hat es stets rechtzeitig geschafft.

Bevor die Krise zwischen Hanna und ihrem Mann eskalierte, entschied sie: Jetzt mache ich Urlaub vom Kinderwunsch. Sie schloss sich einer Diätgruppe an und nahm 20 Kilo ab. Das halbe Jahr ohne Behandlungsstress war wichtig für das Paar: „Es war uns klar, dass wir auch ohne Kinder leben können.“ Dann kam es doch anders. Hanna ist mittlerweile im sechsten Monat schwanger. Der erste Versuch nach der Behandlungspause war erfolgreich.

Auch wenn das Wunschkind nicht unterwegs wäre: Hanna und ihr Mann hatten gute Chancen, die Kinderwunschbehandlung gemeinsam zu bewältigen. Paare, die durch die Krise näher zusammenrücken, statt sich zu entzweien, setzen der Therapie Grenzen. Sie denken über Alternativen nach und lassen sich Zeit. Psychologische Betreuung könnte dabei helfen. Tatsächlich ist im deutschen Sozialgesetzbuch eine von der Behandlung unabhängige Beratung vorgeschrieben, die auch psychische Aspekte umfassen soll. Doch diese Vorschrift wird nicht in allen reproduktionsmedizinischen Zentren umgesetzt. „Es gibt eine Reihe von Zentren, die haben einen Psychologen eingebunden. Es gibt aber auch welche, die halten das für Schnickschnack“, sagt Heribert Kentenich von der Virchow-Klinik Berlin.

Kentenich, selbst Reproduktionsmediziner und Psychotherapeut, hält eine unabhängige Beratung noch aus einem anderen Grund für wichtig. „Der Arzt hat ein finanzielles Interesse an der Behandlung. Daher hantiert er mit Zahlen, die er gerne hat und die die Patientin gerne hat.“

Oft ist der Wunsch nach einem Kind von anderen Wünschen überlagert: durch das Kind die Partnerschaft zu stabilisieren, sich von den eigenen Eltern abzugrenzen, jung zu bleiben, die eigene Fruchtbarkeit zu beweisen. In der Kinderwunschsprechstunde am Heidelberger Universitätsklinikum ist deshalb auch Thema der Beratung, warum ein Paar sich ein Kind wünscht. Nicht weil die Psychologen wie Detektive nach unbewussten Konflikten forschen wollen. Sondern weil ein Paar viele Veränderungen, die es mit einem Kind verknüpft, auch unabhängig vom Kind vornehmen kann. Das nimmt Druck und schafft Raum für neue Perspektiven. Wenn etwa eine Frau unzufrieden im Beruf ist und sich ein Baby wünscht, um eine Pause einlegen zu dürfen, kann sie unabhängig davon nach beruflichen Alternativen suchen. Wenn ein Mann hofft, mit einem eigenen Kind von seinen Eltern endlich ernst genommen zu werden, kann er lernen, das auch ohne Kind selbstbewusst einzufordern.

Je später ein Paar sich mit der Möglichkeit auseinander setzt, trotz aller Therapien kinderlos zu bleiben, umso problematischer ist die Situation. „Sie hoffen immer stärker und fallen immer tiefer“, sagt FFGZ-Beraterin Monika Fränznick. Barbara Maier, Oberärztin am Landeskrankenhaus Salzburg, hat bei Frauen regelrecht süchtiges Verhalten beobachtet. „Die Struktur des Lebens ist dann der unerfüllte Kinderwunsch“, sagt sie. Die Frauen sind bereit, jede Behandlung über sich ergehen zu lassen. Begierig greifen sie Meldungen über neue Verfahren auf. Wenn ihnen eine gewünschte Therapie verweigert wird, wechseln sie den Arzt. Sie wollen so viele Versuche wie nur möglich. Die atemlose Abfolge der Therapien erspart ihnen die schmerzliche Auseinandersetzung mit der möglichen Kinderlosigkeit. Doch das ständige Ausweichen vor der Krise heizt das süchtige Verlangen weiter an. „Das ganze Leben ist verklebt, verklebt mit dem Kinderwunsch“, sagt Maier.

Wie bei Julia. Der Kinderwunsch der mittlerweile 45-Jährigen ist so stark wie zuvor. „Das setzt sich fest wie ein Geschwür. Man ist gar nicht mehr offen für andere Dinge.“ Wenn sie durch die Stadt geht, zählt sie die Frauen mit dickem Bauch und Kinderwagen und schätzt ihr Alter. Den Kontakt zu Freundinnen mit Kindern hat sie abgebrochen. Sie hat ihren Mann vor allem geheiratet, um mit ihm eine Familie zu gründen. Was wird nun aus der Ehe? „Ich fühle mich auf der ganzen Linie als Verliererin.“


„Wir müssen über Fruchtbarkeit als Ressource aufklären“

Ein Gespräch mit Elmar Brähler, Leiter der Abteilung für medizinische Psychologie und medizinische Soziologie der Universität Leipzig, über die Ursachen der ungewollten Kinderlosigkeit

PSYCHOLOGIE HEUTE Wie stark sind denn Frauen durch ungewollte Kinderlosigkeit belastet?

ELMAR BRÄHLER Für Frauen ist ungewollte Kinderlosigkeit eine der traumatischsten Erfahrungen im Leben und kann starke Trauerreaktionen auslösen. Dennoch ist zu überlegen, ob die Reproduktionsmedizin diesen Frauen tatsächlich hilft. Sie hilft einigen, aber nicht allen. Im Schnitt gehen 30 Prozent der Frauen, eher weniger, erfolgreich aus der Behandlung. Da stellt sich die Frage, ob die Medizin bei den anderen nicht zu viele Hoffnungen weckt und die Probleme noch verschärft. Es gibt viele Paare, denen vor der Behandlung nicht klar ist, was da auf sie zukommt. Wenn sie es wüssten, würden sie sich womöglich anders entscheiden.

PH Könnte eine psychologische Beratung den Paaren helfen?

BRÄHLER Das Sozialgesetzbuch schreibt eine unabhängige Beratung ähnlich wie beim Schwangerschaftskonflikt vor. Leider findet sie nur selten statt, weil die Mediziner Angst haben, die Patienten könnten sich danach gegen die Behandlung entscheiden. Nicht alle Paare brauchen diese Beratung, ein Teil aber schon. Ein Zehntel erlebt schwere depressive Reaktionen. Zum Beispiel wenn die Frau ein Kind durch eine Fehlgeburt verliert. Oder wenn die gesamte Therapie ohne Erfolg beendet werden muss. Es gibt auch Paare mit starken Konflikten, etwa wenn ein Partner den Misserfolg stärker bedauert als der andere. Oder wenn das Paar vom Bekanntenkreis oder den Eltern gedrängt wird, ein Kind zu bekommen. Um solche Problemfälle herauszufinden, empfehlen wir, vor Behandlungsbeginn die Vorgeschichte zu erkunden. Denn oft handelt es sich um Paare, die schon stark belastet und verwundbar in die medizinische Behandlung gehen.

PH Es heißt immer, dass 15 bis 20 Prozent aller Paare ungewollt kinderlos bleiben. Das klingt dramatisch.

BRÄHLER Ich höre immer die hohen Zahlen über die ungewollte Kinderlosigkeit, wo alle Kinderlosen als steril bezeichnet werden. Das empört mich jedes Mal, weil das viel komplizierter ist. Dramatisch ist momentan die Zunahme der gewollten Kinderlosigkeit. Wir haben gerade eine Umfrage unter 20- bis 50-Jährigen gemacht: Weniger als zehn Prozent wünschen sich aktuell ein Kind.

PH Zumindest in den alten Bundesländern und in der Altersgruppe der 35- bis 39-Jährigen ist die ungewollte Kinderlosigkeit beachtlich. Sie liegt bei 13 Prozent. Haben wir es da mit einem massiven medizinischen Problem zu tun?

BRÄHLER Die wichtigsten Faktoren für die Fruchtbarkeit sind Alter und Sexualverhalten. In der früheren DDR waren die Unfruchtbarkeitsraten ganz niedrig. Die Kinderlosigkeit des Jahrgangs 1955 lag bei unter sieben Prozent – und da sind die gewollt Kinderlosen mitgerechnet. Kinder brachten in der DDR eben viele Vorteile, Kredite oder Wohnungen zum Beispiel. Frauen wurde der Arbeitsplatz garantiert, es gab ausreichend Krippen. Da konnten es sich die Paare leisten, früh Kinder zu bekommen. Eine 25-Jährige galt schon als Spätgebärende, obwohl eine Frau in diesem Alter noch gute Aussichten hat, schwanger zu werden. Heute überlegen sich Paare sehr spät, ein Kind zu bekommen. Eine Frau um die 40 hat aber nur noch eine sehr geringe Chance, schwanger zu werden, ob mit oder ohne Reproduktionsmedizin. Diese altersbedingte Unfruchtbarkeit wird zum medizinischen Problem umdefiniert.
Das tatsächliche Problem ist aber, dass der Kinderwunsch in unserer Gesellschaft sehr lange hinausgeschoben wird. Das hat mit den Lebensbedingungen zu tun. Die finanziellen Rahmenbedingungen stimmen oft nicht. Wenn da keine Hilfestellung gegeben wird, haben wir später ein angeblich medizinisches Problem, das wir sonst nicht hätten.

PH Die Gesellschaft zu ändern ist schwierig. Kann man überhaupt etwas tun?

BRÄHLER Wir müssen über Fruchtbarkeit als Ressource aufklären. Es wird jungen Leuten suggeriert, dass sie ihren Lebensplan beliebig gestalten und später noch ein Kind bekommen können. Die Reproduktionsmedizin erweckt den Anschein, es sei kein Problem, den Kinderwunsch hinauszuschieben, sie werde dann schon helfen. Das ist ein trügerisches Versprechen, es führt in die Irre. Damit wir uns nicht missverstehen: Es geht mir nicht darum, jemanden von frühen Schwangerschaften zu überzeugen. Es geht mir nur darum, dass keine falschen Informationen in die Welt gesetzt werden.

Mit Professor Elmar Brähler sprach Martina Keller

 

 
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