Die Angst vor der Wahrheit
Vermeidungsstrategien von Kinderwunschpaaren
und die begleitende Funktion des Repromediziners
Es ist nur zu menschlich, sich vor bestimmten, unangenehmen Situationen zu drücken oder sie zu ignorieren. Oft funktioniert es sogar, sich vor leidigen Tatsachen zu verschließen, in der Hoffnung, dass man sie entweder wieder vergisst oder aber, dass irgendwann die Zeit alles regelt.
Bei Paaren mit unerfülltem Kinderwunsch funktioniert die Vermeidungs- bzw. Verdrängungsstrategie oftmals einwandfrei. Dies hat zugegebenermaßen in dem ein oder anderen Fall auch kurzfristige Vorteile, langfristig gesehen kann man jedoch gewissen Tatsachen nicht aus dem Weg gehen und je länger man diese verdrängt hat, desto heftiger holen sie die betroffene Person irgendwann wieder ein.
Wir alle haben uns schon über Kinder amüsiert, die meinen, wenn sie ihre Augen bedecken, kann man sie nicht sehen. Menschen mit einer Klaustrophobie, die anstatt den Aufzug zu nehmen, lieber tagtäglich 12 Etagen zu Fuß zu ihrem Büro gehen, finden wir alle sicher bedauernswert.
Dass es aber symptomatisch für
Paare (insbes. Frauen) bei unerfülltem Kinderwunsch ist, die Realität zu beschönigen
oder dieser erst gar nicht ins Auge sehen zu wollen, ist zwar vielen Betroffenen
klar, wird aber allgemein nicht zugegeben.
Wenn wir von unerfülltem Kinderwunsch sprechen, sprechen wir nicht von Paaren, die nach 3-monatiger "Übungsphase" noch immer nicht schwanger sind. Hier geht es vielmehr um Fälle, die schon wesentlich länger dabei sind und irgendwann an einem Punkt der Verzweiflung angekommen sind. Der unerfüllte Kinderwunsch ist immer mehr zum zentralen Punkt im Leben und in der Partnerschaft geworden und im Laufe der Zeit haben sich auf beiden Seiten Versagensängste aufgetan haben.
Beispiele der Vermeidungshaltung zeigen sich immer wieder: sei es der Mann, der sich weigert, ein Spermiogramm machen zu lassen, oder sei es die Frau, die endlich mal ihren Frauenarzt wechseln sollte, weil der jetzige ihr immer sagt, alles sei o.k. und trotzdem klappt es nicht (ist es nicht immer wieder beruhigend zu hören, alles sei o.k.?).
Für nicht wenige Paare beginnt mit dem aufkeimenden Kinderwunsch ein langer Weg, viel länger als geplant. Je mehr Zeit vergeht, desto mehr weicht die anfängliche Euphorie der Frustration und dem Selbstzweifel. Und selbst wenn man die Möglichkeit hätte, der Ursache der ausbleibenden Schwangerschaft nachzugehen, schieben einige Paare dies erst einmal auf die lange Bank - aus Angst vor einem negativen Ergebnis.
Viele Frauen im fortgeschrittenen Fortpflanzungsalter (> 35 J) haben sicher schon gehört oder gelesen, dass ihre Fruchtbarkeit den Zenit überschritten hat, wissen u.U. auch, dass sie durch relativ einfach durchzuführenden Tests einen Überblick über ihre individuelle Fruchtbarkeit haben. Trotzdem sehen sie aber vorerst davon ab, diese durchführen zu lassen - aus Angst vor der Wahrheit.
Ferner ist gerade diese Altersklasse vermehrt von Fehlgeburten auf Grund von Chromosomenstörungen betroffen und es ist immer wieder erstaunlich, wie wenige von dieser Tatsache Kenntnis haben bzw. haben wollen. Eine Fehlgeburt ist sicherlich für jede Frau eine tragischer Schicksalsschlag, jedoch sollten gerade Frauen im fortgeschrittenen Reproduktionsalter sich mit der Tatsache vertraut machen, dass in Ihrem Alter Fehlgeburten lt. Statistik häufiger auftreten. Anstatt dessen wird dies oft nicht einkalkuliert und kommt es dann tatsächlich zu einer Fehlgeburt, wird nach diversen Gründen gesucht: Infektionen, Gelbkörpermangel, Spermiendefekte des Mannes, Stress... die zugegebenermaßen auch eine Ursache sein können. Hauptgrund einer Fehlgeburt in diesem Alter bleibt aber nach wie vor die mit der abnehmenden Eierstockreserve einhergehende Aneuploidierate der "älteren" Eizellen, die mitunter bis zu 80% betragen kann.
Gehen wir einen Schritt weiter und befassen uns mit dem Thema der künstlichen Befruchtung:
Es steht außer Frage, dass eine IVF/ICSI in der Vergangenheit vielen Paaren zu unverhofftem Nachwuchs verholfen hat. Trotzdem ist die kumulative Schwangerschaftsrate nach 4 Versuchen in den meisten Fällen nicht höher als 60% - ergo bleiben 40% der Paare auch danach kinderlos.
Ein Paar, das sich letztendlich
der Repromedizin "beugen" muss, hat mitunter einen schon einen längeren
Weg hinter und stellt an die IVF/ICSI überhöhte Erwartungen, ohne die
Situation der eigenen Fruchtbarkeit zu berücksichtigen. Man hört nur zu gerne
von dem behandelnden Mediziner, dass alles gut wird und man sich keine Sorgen
machen muss. Viele Ärzte halten diese „Beschönigungsstrategie" für
psychologisch wertvoll und in dem ein oder anderen Fall vielleicht auch für
effektiv und bequem.
Oft sitzt ein Repro-Mediziner oder ein auf Kinderwunsch spezialisierter
Frauenarzt einem Paar gegenüber, das verzweifelt ist und alle seine (letzten)
Hoffnungen auf ihn und auf die Kindwunschtherapie fokussiert. Nicht wenige
Spezialisten sind hier offensichtlich überfordert, denn anstatt dem betroffenen
Paar die individuellen Möglichkeiten anhand deren Anamnese zu erklären, wird
viel zu oft die IVF als eine Wunderwaffe angepriesen, mit Schwangerschaftsraten
fernab jeglicher Realität. Dieses Vorgehen mag zwar im ersten Moment sowohl für
den Arzt als auch für das Kinderwunsch-Paar eine angenehme, positive und
vertrauensvolle Atmosphäre schaffen, spätestens jedoch, wenn der von beiden
Seiten erwartete bzw. erhoffte Erfolg ausbleibt, taucht die Frage nach dem WARUM
auf und diese wird seitens der Mediziner leider nur zu oft viel zu pauschal und
unzureichend beantwortet. In diesem Zusammenhang liest man oft Aussagen von
Patientinnen wie: "Mein Arzt hat gesagt, er verstehe das auch nicht, alles
sah so gut aus." Vielleicht war dem auch so, vielleicht war die Eizell- und
Embryoqualität gut. Aber vielleicht war dem nicht so, und der Patientin wurde
- zu deren Beruhigung - gesagt,
alles sei perfekt.
Wie oft liest man von Embryonen-Transfers an Tag X mit perfekten X-Zellern, die sich nicht einnisten? Da die Patientinnen in vielen Fällen nicht genau über die Embryonenqualität (welche u.U. im direktem Zusammenhang mit ihrer eigenen Fruchtbarkeit bzw. der ihres Mannes zusammenhängt) und deren Chance zu einer Schwangerschaft zu führen, aufgeklärt werden, wird folgerichtig seitens der Patientin immer angenommen, dass es an der Nidation gelegen hat, und sie wird sich auch bei zukünftigen Versuchen nicht auf ihre Embryonenqualität konzentrieren sondern viel eher auf die Zeit nach dem Embryonentransfer, um ja nichts zu tun, was eine Implantation gefährden können.
In diesem Zusammenhang liest man häufig von Fragen wie
"Wie lange soll ich mich nach dem Transfer schonen?"
oder
"Sollte ich Stuhlgang am gleichen Tag nach dem Transfer vermeiden,
damit ich den Embryo nicht gleich wieder verliere?" oder
"Ich wohne im 3. Stock, soll ich bis zum Schwangerschaftstest
lieber den Aufzug nehmen?".
Diese Fragen sind insofern
berechtigt, da die Patientin ja glaubt, dass ihre vorangegangene IVF
aufgrund eines Einnistungsproblems fehlgeschlagen ist (was sogar teilweise
korrekt ist, da sich ja z.B. ein Embryo schlechter Qualität, welcher sich im
Uterus letztendlich nicht weiterteilt, nicht einnisten kann). Mittelfristig
gesehen wird sich eine Patientin bei einem erneut erfolglosen IVF-Zyklus Vorwürfe
machen und sich fragen, ob sie den Misserfolg durch Unachtsamkeit o.ä.
provoziert bzw. verschuldet hat.
Es ist sicher nicht immer einfach für einen Repro-Mediziner in einer
KiWu-Praxis bzw. Klinik mit regem "Publikumsverkehr" gezielt auf die
individuellen Bedürfnisse und Charaktere des jeweiligen Paares einzugehen. Es
ist jedoch möglich, dem Paar durch behutsame, jedoch gezielte und
ergebnisorientierte Aufklärung einen Überblick über dessen Chancen bei der
Kinderwunschbehandlung zu vermitteln. Dies ist auf den ersten Blick sicher aufwändiger
und unbequemer, da das zu behandelnde Paar u.U. mit weniger erfreulichen
Tatsachen konfrontiert wird. Auf den zweiten Blick jedoch - nachdem das Paar
diesen Tatbestand reflektiert hat - wird sowohl der Erwartungsdruck an den
Repro-Mediziner als auch der an sich selbst reduziert und somit oftmals auch ein
beträchtlicher Leidensfaktor.
Nicht unerwähnt werden sollte hier die Möglichkeit des Blastozystentransfers,
der zwar in Deutschland nicht verboten ist, aber wegen verbotenen
Weiterkultivierung aller Embryonen und Selektion der besten in vielen
Kinderwunsch-Praxen/Kliniken als nicht zweckmässig eingestuft und deshalb nicht
vorgenommen wird. Allein die Tatsache, dass nur ca. 50% aller Embryonen die
Weiterentwicklung bis zum Blastozystenstadium schaffen, wirkt auf viele Paare
und auch Ärzte abschreckend, da die Möglichkeit besteht, dass an Tag 5 (oder
6) keine Blastozysten zum Transfer vorhanden sind, was meistens gleichbedeutend
mit einer Chance von 0% ist. Selbst im Ausland, wo selektiver
Blastozystentransfer oft die Regel ist, wird Patientinnen mit weniger als 5
Eizellen von einer Weiterkultivierung abgeraten und es werden meist Embryonen an
Tag 3 transferiert, obwohl allgemein bekannt ist, dass selbst eine 1A-Qualität
der Embryonen an Tag 3 nichts über deren Potential zur Weiterentwicklung bis
hin zur Blastozyste aussagt, da bis zu diesem Stadium ein Entwicklungsstop
aufgrund fehlender Genomaktiverung eintreten kann.
Auch hier ist die Aufklärungsbereitschaft des Mediziners gefordert - was nicht
bedeutet, jedem Paar einen Blastozystentransfer nahezulegen, sondern einzig und
allein über die Vor- und Nachteile aufzuklären. Es ist anzunehmen, dass es
letztendlich nach wie vor Paare geben wird, die auch nach dieser Aufklärung
einen Transfer an Tag 2 oder 3 favorisieren, um sich wenigstens noch ca. 14 Tage
die Hoffnung nicht nehmen zu lassen. Der behandelnde Mediziner könnte wie folgt
vorgehen: Er will und soll dem Paar sicher nicht die Hoffnung zerstören (dafür
gibt es an Tag 2 oder 3 in den meisten Fällen auch keinen Grund), jedoch kann
er - ohne einen Fauxpas zu begehen, darauf hinweisen, dass ein perfekter Tag 2
oder Tag 3 - Embryo nicht genug Aussagekraft über seine Chance zu einer
erfolgreichen Einnistung bzw. Schwangerschaft besitzt.
Hierdurch wird keine negative Erwartungshaltung des Paares hervorgerufen, es
wird lediglich einer ggf. noch größeren Enttäuschung vorgebeugt.
Wie
schon eingangs erwähnt, soll hier nicht der Stab über jene
Kinderwunschpatienten und -patientinnen gebrochen werden, die sich durch
gelegentliches "Schönfärben" ihren Weg durch die Mühlen der
Kinderwunschtherapie etwas erleichtern. Vielmehr geht es darum, dass jeder
behandelnde Repromediziner oder Kinderwunschspezialist mit dem Paar eine
realistische und konsequente, aber erträgliche Lösungsstrategie erarbeitet,
die beiden Parteien entgegenkommt. Ist sich das Kinderwunschpaar seiner eigenen
Erfolgschancen grösstenteils bewusst, wird der Erfolgsdruck sowohl für das
Paar als auch für den Mediziner beträchtlich vermindert.
Gleichzeitig kann dem Paar durch dieses Vorgehen "Hilfe zur
Selbsthilfe" aufgezeigt werden, was u.U. zur Folge hat, dass das Paar sich
bewusst auch mit der medizinischen Seite der Kinderwunschbehandlung beschäftigt
und somit wünschenswerterweise
etwas emotionale Distanz gewinnt.
Und gerade diese emotionale Distanz könnte wiederum ein wesentlicher Faktor
sein, der das Ausgehen einer IVF-Behandlung positiv
beeinflusst.