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Psychologie
Heute 06/2003, Seite 60
Rubrik: Kinderwunsch
Autorin: Helga Levend
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Warum ein Kind?
Dass zwei Menschen, die sich lieben, ein Kind miteinander haben wollen, erscheint als völlig normal. Doch ist der Kinderwunsch wirklich so „natürlich“, wie wir glauben? Wenn Paare sich sehnsüchtig ein Kind wünschen, spielen oft unbewusste, mythische Vorstellungen eine Rolle. Diese zu erkennen, kann vor allem für ungewollt kinderlose Paare hilfreich sein
Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die wünschten sich ein Kind. Aber ihr Wunsch ging nicht in Erfüllung. In seiner Not wurde der Mann zornig und sprach, ich will ein Kind haben, und sollts ein Igel sein. Und siehe da, sein Wunsch wurde erfüllt. Die Frau gebar einen Sohn, der zur Hälfte mit einer Igelhaut zur Welt kam.
Was die Gebrüder Grimm in ihrem Märchen Hans mein Igel über den Kinderwunsch erzählen, liest sich im Internet in der Sprache der Frauen etwa so: „Ich wünsche mir so sehr ein Kind, dass ich fast alles dafür machen würde.“ Oder: „Ich weine jeden Monat, wenn die Periode kommt.“
Konrad Adenauer soll einmal gesagt haben: „Kinder kriegen die Leute von allein.“ Im Allgemeinen stimmt das. In der Natur ist es ein kurzer Weg vom heterosexuellen Paar zum Kind. Doch gerade mit dieser Tatsache schlagen sich Paare herum, deren Wunsch nach einem Kind nicht in Erfüllung geht. „Der unerfüllte Wunsch nach einem Kind wird als narzisstische Kränkung erlebt“, sagt die Psychotherapeutin Barbara Friedrich.
Viele Paare, die sich unbedingt ein Kind wünschen, bei denen es aber nicht „klappt“, hoffen auf die Reproduktionsmedizin. Und da lassen sie so ziemlich alles mit sich machen, vor allem die Frauen. Sie beten und schicken sich gegenseitig Trost via E-Mail zu. „Ob du wohl auch nach Einsiedeln fährst, um zu beten und um dich in das große Buch einzuschreiben, wie ich es tat vor drei Jahren? Ich nahm von dort viel Kraft mit und werde es wieder tun, denn schon am kommenden Montag telefoniere ich wieder mit der Klinik und beschreite einen neuen Zyklus. Ich will es nochmals wissen. – Karin“
Anthropologisch gesehen scheint der Wunsch nach einem Kind elementar und natürlich zu sein, weil er der Arterhaltung dient. Aber stimmt das wirklich? „Es ist unmöglich, irgendeine menschliche Gesellschaft als Beweis für einen natürlichen Kinderwunsch der Frauen heranzuziehen, ebenso wie es nicht möglich ist, irgendeine Gesellschaft als Beispiel für einen natürlichen Kinderwunsch von Männern heranzuziehen“, schreibt Barbara Neuwirth in ihrem Buch Frauen, die keine Kinder wollen. Vielmehr – so zeigt sie – ist der Wunsch nach Kindern kulturell bestimmt und wird durch die jeweiligen gesellschaftlichen Vorstellungen in seinen individuellen Ausprägungen überformt und geformt.
In dem Märchen der Gebrüder Grimm wird ein Kind um jeden Preis gewünscht. Und sei es auch nur ein Igel. Sein Vater hatte „Geld und Gut genug, aber wie reich er auch war, so fehlte doch etwas an seinem Glück“. Eben ein Kind. Aber es ging dem Mann nicht um ein Kind, das er auf dessen Weg ins Leben liebevoll begleiten wollte, wie es heute fast selbstverständlich von Eltern erwartet wird. Es ging ihm um die Vererbung des Besitzes und des Familiennamens, so wie es damals üblich war. Und auch der soziale Druck spielte eine Rolle. Sein gesellschaftliches Ansehen war ihm wichtig. Deshalb wollte er so dringlich ein Kind. Die anderen Bauern spotteten schon über die Kinderlosigkeit des Mannes. So war es eine Frage der Selbstachtung, dass zu dem erworbenen Wohlstand nun auch ein Kind dazukommen musste.
So alt das Märchen ist, so wahr ist es bis in die heutige Zeit hinein. Der Druck der Herkunftsfamilie, ihr Wunsch nach Erben, und sei es auch lediglich der Familienname, der vererbt wird, der subtile, soziale Druck im Freundes- und Kollegenkreis nehmen Einfluss auf den Kinderwunsch. Dies, obwohl in den europäischen Gesellschaften Frauen und Männer, im Gegensatz zu früheren Zeiten, relativ gute Möglichkeiten vorfinden, wenn sie sich entschließen, ohne Kinder zu leben. Kinderlose Frauen und Paare werden zumindest toleriert.
Dem Kinderwunsch liegen zahllose bewusste und unbewusste Motive, oft fast mythische Vorstellungen zugrunde. Da er nicht mehr an die unmittelbare Altersversorgung durch die leiblichen Kinder gebunden ist, der soziale Druck in dieser Hinsicht abgenommen hat, dreht sich der Kinderwunsch inzwischen heute mehr und mehr um die eigene Selbstverwirklichung, um Glücks- oder Heilserwartungen an das Kind. Eine freudlose Lebensgemeinschaft, in der sich beide Partner nichts mehr zu sagen haben, soll durch die Geburt eines Kindes neu belebt werden. Auch das kann ein Grund für den Wunsch nach einem Kind sein.
„Jede menschliche Gesellschaft ist Kultur, und das Verhältnis von Menschen zur Elternschaft beziehungsweise das Verhalten zu den Nachkommen ist Teil eines komplizierten kulturellen Zusammenhanges“, wie Barbara Neuwirth schreibt. Zu den modernen Mythen gehört die Vorstellung, die Liebe eines Paares vollende sich in einem gemeinsamen Kind oder eine Frau sei erst dann eine Frau, ein Mann erst dann ein Mann, wenn sie einem Kind das Leben schenken. Hinter diesen Idealbildern stehen viele Interessen, von denen sich etliche auf immer noch geltende patriarchalische Herrschaftsstrukturen in unserer Gesellschaft gründen. Und diese, so Barbara
Neuwirth, sind keineswegs frauenfreundlich.
Mit dem Kinderwunsch verbindet sich auch der Wunsch nach einem kleinen Stück Unsterblichkeit. Das Kind wird die Erinnerung an die Eltern den eigenen Kindern weitergeben, und diese wiederum werden die Erinnerung ihren Kindern weitergeben. Etwas von einem bleibt – und sei es auch nur eine Anekdote als Teil der Familiengeschichte. In den mittleren Jahren ist es manchmal da, „das Gefühl von Leere bei Menschen ohne Kinder, als sei da nichts mehr, was nach ihnen kommt“, schreibt Gisela
Zeller-Steinbrich. „Wer das auf sich zukommen sieht, bekommt Angst.“
Der Gedanke, im Alter völlig allein zu sein, sein Schicksal in fremde Hände legen zu müssen, ist nicht leicht zu ertragen. Doch dieses Gefühl von Verlassenheit ist alterstypisch und stellt sich auch bei Menschen mit Kindern ein, so Gisela
Zeller-Steinbrich. „Sie erleben sich von ihren Kindern im Stich gelassen, wenn sie feststellen, dass die Kinder ihr eigenes Leben haben und ihnen die Last des Alterns nicht abnehmen können. Kinder zu haben und trotzdem einsam zu sein ist nicht selten und wohl noch schmerzlicher.“
Frauen und Männern fällt es nicht leicht, die bewussten und die unbewussten Motive ihres Kinderwunsches zu erkennen. Für Barbara Friedrich ist das nur allzu verständlich. „Es besteht keine Verbindung zwischen dem Bewussten und dem Unbewussten.“ Zu den unbewussten Motiven des Kinderwunsches gehört für Barbara Friedrich zum Beispiel die Identifikation mit den eigenen Eltern. „Jeder Mensch ist einmal bemuttert und bevatert worden. Er hat sich ein Bild von der ‚richtigen‘ Frau und Mutter, von dem ‚richtigen‘ Mann und Vater gemacht. Der Wunsch, diesem Bild nahe zu kommen, ist sehr stark, und sei es auch in der Abgrenzung zu den Eltern. Ich werde eine bessere Mutter. Ich werde ein besserer Vater.“
Ein Ebenbild von sich zu schaffen, ein besseres Ebenbild, kann beim Kinderwunsch ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Mein Kind soll es nicht nur besser haben als ich. Es soll auch alles besser machen als ich. Ich will ihm die Möglichkeit geben, meine eigenen Versäumnisse und unerfüllten Wünsche im Leben nachzuholen. Und auch das kann den Kinderwunsch beeinflussen: Das Kind soll den Verlust eines geliebten Menschen ausgleichen.
Der Kinderarzt und Psychotherapeut Hans von Lüpke weist auf die Ambivalenzen und Paradoxien des Kinderwunsches hin. Er fragt : „Geht es um das Kind, oder geht es um die Bedürfnisse der Erwachsenen, etwa die Bestätigung ihrer Reproduktionsfähigkeit als Frau und als Mann? Geht es um den Druck der Familie, der Freunde oder Kollegen? Haben wirklich beide Partner den Wunsch nach einem Kind? Oder trifft der eine Partner gegen den anderen die Entscheidung? Welche Erwartungen richten sich an ein heiß ersehntes Wunschkind? Was bedeuten all diese Wünsche für die Entwicklung eines Kindes?“
Wenn der Kinderwunsch so starke narzisstische Züge beinhaltet, wenn er psychisch und elementar im Menschen angelegt und durch das soziale Umfeld beeinflusst ist – welche Möglichkeiten gibt es dann, sich von ihm zu verabschieden? „Die Antwort darauf fällt nicht leicht“, sagt Hans von Lüpke. „Im Grunde lässt sich diese Frage nur beantworten vor dem Hintergrund der Biografie beider Partner, die ja etwas mit dem Kinderwunsch zu tun hat. Die andere Frage müsste lauten, wie wollen wir uns als Paar ohne Kind in Zukunft definieren? Wollen wir auch weiterhin ein Paar bleiben, wenn unser Kinderwunsch nicht in Erfüllung geht? Dabei geht es um Veränderungen des Selbstverständnisses und des Lebensziels des Paares. War es das vorrangige Ziel, eine Familie mit Kindern zu gründen? Gab oder gibt es noch andere lohnende Ziele, auf die man sich besinnen sollte? Nur so kann es einem Paar gelingen, andere Möglichkeiten der Generativität zu finden. Manchmal geht das nicht ohne therapeutische Hilfe.“ Der Verzicht auf ein Kind wird Paaren besonders schwer fallen, zu deren Lebensstil eine klare Rollenaufteilung gehört: Der Mann ist für die finanzielle Versorgung der Familie verantwortlich, die Frau für die Haushaltsführung und die geplanten Kinder. „Eine Auseinandersetzung mit den bis dahin so selbstverständlich erscheinenden Rollenvorstellungen ist hier sicher notwendig“, sagt der Soziologe Gerhard
Amendt.
Barbara Friedrich spricht davon, dass der Abschied vom Kinderwunsch zunächst einmal Trauerarbeit bedeutet. Das mag plakativ klingen, auch widersprüchlich. Kann man ernsthaft einem Wunsch nachtrauern, der nicht in Erfüllung gegangen ist? Kommt da nicht zu viel Selbstmitleid ins Spiel? Kann man um ein Kind trauern, das es nie gegeben hat? Natürlich, sagt Barbara Friedrich. „Wenn die Wiege leer bleibt, der Lebensentwurf, eine Familie mit Kind zu gründen, unerfüllt bleibt, dann wird dies als Scheitern empfunden und verstört das Selbstwertgefühl.“ Auch die anderen Wünsche – einem Kind seine ganze Liebe zu schenken, unentbehrlich für einen anderen Menschen zu sein, Stolz auf sein Kind zu empfinden oder sich im Kind wiederzufinden, sich im Kind noch einmal zu verwirklichen – bleiben unerfüllt. „ Ein Traumkind, das mit allen Gaben, die für die Erwachsenen heilsam sind, versehen wurde, ist in gewisser Hinsicht real“, so Barbara Friedrich. „Da kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen.“
Trauern braucht seine Zeit, die bei jedem Menschen individuell verschieden ist. Und diese Zeit ist kostbar, denn in ihr können sich Möglichkeiten eröffnen, sich wieder auf neue Lebensziele zu besinnen, neue Perspektiven der Selbstverwirklichung zu entdecken, die nicht an ein Kind gebunden sind.
Paare, deren Kinderwunsch trotz medizinischer Hilfe nicht in Erfüllung geht, fühlen sich erst mal unendlich allein. Auch das Paar kann sich in dieser Situation voneinander getrennt fühlen, so Barbara Friedrich. „Mann und Frau müssen sicherlich ganz unterschiedliche Verluste und Enttäuschungen betrauern, von ganz anderen Träumen des Kinderwunsches Abschied nehmen. Für eine Frau fühlt es sich anders an, wenn sie ihren Wunsch nach gelebter Mütterlichkeit aufgeben muss, als für den Mann, der seine Väterlichkeit nicht leben kann. Es ist durchaus möglich, dass ein Partner sich in den besonderen Schmerz des anderen gar nicht einfühlen kann. Zu verschieden ist das, was den Einzelnen in dieser Zeit bewegt. Manchmal vermag man die Trauer noch gar nicht in Worte zu fassen. Die Gefahr, in einer solchen Situation einander zu verfehlen, ist groß.“
Mann und Frau, die ihren Kinderwunsch aufgeben müssen, stehen vor der Aufgabe, sich als Paar wieder neu zu finden. Das ist nicht leicht. Aus ihrer therapeutischen Erfahrung weiß Barbara Friedrich, dass auf diesem Weg der Neufindung Rituale hilfreich sind. „Manche Paare wählen diesen Weg mehr oder weniger bewusst. Sie lassen sich kirchlich trauen, nachdem sie bislang ‚nur‘ standesamtlich getraut waren. Es muss aber nicht unbedingt die kirchliche Trauung sein, bei der sich ein Paar das Versprechen noch einmal gibt, in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein. Es kann auch ein ganz persönlich entwickeltes Ritual sein, mit dem Frau und Mann sich bestätigen, wir wollen zusammenbleiben.“
Trauer kann zu den unbewussten Motiven des Kinderwunsches zurückführen. Wer mit einem Kind einen geliebten Verstorbenen ersetzen wollte, sollte von diesem Menschen Abschied nehmen. Wer den abgebrochenen Kontakt zu seinen Eltern mit einem Enkelkind neu knüpfen wollte, sollte nach anderen Möglichkeiten der Annäherung suchen. Frauen, die durch die Geburt eines Kindes hofften, aus ihrem Beruf, der sie überfordert, aussteigen zu können, sollten nach Möglichkeiten der Veränderung ihrer beruflichen Situation suchen. Wer glaubte, sein Selbstwertgefühl nur über ein eigenes Kind erlangen zu können, der sollte darüber nachdenken, warum er so wenig Selbstwertgefühl hat. Denn Kinder sind nicht geeignet, das mangelnde Selbstwertgefühl durch ihr Dasein hervorzuzaubern. Im Gegenteil. So klein sie auch sind, sie können Eltern, die in ihrem Selbstwertgefühl unsicher sind, noch mehr erschüttern, wie die Forschung zum Thema Kindesmisshandlung zeigt.
Noch einem anderen Konfliktpotenzial sollten sich Paare in der Trauerphase stellen, sagt Barbara Friedrich. Möglicherweise gibt es verschwiegene Schuldzuweisungen wie beispielsweise: Hättest du früher nicht so viel geraucht. Hättest du nicht immer nur an deine Arbeit gedacht. Du bist als Mann nicht so richtig intakt. Du bist eben keine richtige Frau. Wir hätten eine neue Methode ausprobieren können. Du hast zu schnell resigniert. Du wolltest ohnehin nicht so richtig.
Erst wenn beide Partner die Trauer zugelassen haben, können sie gemeinsam über neue Lebensentwürfe und andere Möglichkeiten der Generativität nachdenken. Sie eröffnen sich dann manchmal wie von selbst. So erzählt Hanna B.: „Als ich endlich akzeptiert hatte, ich werde kein Kind bekommen, besann ich mich wieder auf mein Patenkind. Ich habe in der Zeit, als ich mit meinem Problem des Kinderkriegens beschäftigt war, diese Patenschaft vernachlässigt. Jetzt nehme ich Anteil an der Entwicklung meines Patenkindes. Wir schreiben uns und telefonieren miteinander. Ich bin ganz erstaunt, wie viel mein Patenkind von mir wissen will. Der Impuls musste von mir kommen.“
Generativität heißt nicht zwangsläufig, seine Gene zu vererben oder Erbstücke der Eltern an den eigenen Nachwuchs weiterzureichen. Der Entwicklungspsychologe Erik H. Erikson definiert den Begriff der Generativität zwar als „zeugende Fähigkeit“, doch spricht er gleichzeitig von einer psychischen Generativität, die nicht an die biologische Elternschaft gebunden ist. Generativität ist für ihn ein seelischer Reifungsprozess. Das in diesem Reifungsprozess Gelernte können die Erwachsenen an die nächste Generation weitergeben, auch dann, wenn sie keine eigenen Kinder haben.
Literatur
 | Barbara Neuwirth (Hg.): Frauen, die keine Kinder wollen. Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1995 |
 | Christiane Röhrbein: Will ich wirklich ein Kind? Rowohlt Taschenbuch Verlag, Reinbek 1999 |
 | Klaus Vetter (Hg.): Kinder – zu welchem Preis? Westdeutscher Verlag,
Opladen/Wiesbaden 1999 |
 | Gisela Zeller-Steinbrich: Wenn Paare ohne Kinder bleiben. Herder, Freiburg 1995 |

Helga Levend
Warum kein Kind?
Für viele Paare ist es selbstverständlich: Wir wollen ein Kind. Doch die Zahl der Menschen wächst, für die das Gegenteil ebenso selbstverständlich ist: Wir wollen kein Kind. Was sind ihre Beweggründe?
„Indem ich ohne Kind blieb, erfüllte ich meine natürliche Bestimmung. Durch die Literatur, so dachte ich, rechtfertigt man die Welt, indem man etwas Neues schafft. … Die Frau muss darauf bestehen, die Gesellschaft mitzugestalten, in die sie Kinder setzen möchte. Es ist nicht das Gleiche, ob sie Kanonenfutter, Sklaven, Opfer oder freie Menschen zur Welt bringt.“
Politische Gründe, wie sie einst Simone de Beauvoir äußerte, werden von Frauen und Männern, die sich heute im reproduktiven Alter für ein Leben ohne Kinder entscheiden, kaum noch erwähnt. Eher sagen Frauen: „Ich kann mir nicht vorstellen, für ein Kind zu sorgen. Was wird dann aus meinem Beruf?“ Aus einer
EMNID-Studie, bei der 862 Frauen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren telefonisch interviewt wurden, geht hervor, dass zwei Drittel der Frauen den Hauptzweck ihres Berufes in der finanziellen Unabhängigkeit sehen. 58 Prozent der Frauen möchten sich im Beruf selbst verwirklichen. 31 Prozent der Frauen meinen, Kinder bedeuteten einen Verzicht auf die Karriere.
Vom „Gebärstreik“ der Frauen ist hierzulande die Rede, weil die deutsche Frau statistisch gesehen nur 1,35 Kinder zur Welt bringt. Politiker unken, die Deutschen seien ein aussterbendes Volk, warnen vor leeren Rentenkassen, weil der Nachwuchs fehlt, und übersehen geflissentlich, dass neugeborene Kinder keine Arbeitsplätze schaffen.
Die öffentlichen Klagen über ihre mangelnde Gebärfreudigkeit gehen an der Lebenssituation der Frauen vorbei. Studien zufolge verschieben entweder hochqualifizierte Frauen oder Frauen, deren Erwerbstätigkeit ihnen nur sehr wenig Geld einbringt, ihren Kinderwunsch auf später oder entscheiden sich gegen ein Kind. „Ihre Entscheidung verweist auch auf gesellschaftliche Probleme, die individuell nicht gelöst werden können“, schreibt Barbara
Neuwirth. Eine Gesellschaft, deren Herrschaftsstrukturen nicht frauenfreundlich sind, ist eben auch keine kinderfreundliche Gesellschaft. Wenn es um die Frage „Kinder – ja oder nein?“ geht, dann spielen in den Industrieländern offensichtlich wirtschaftliche und gesellschaftspolitische Entwicklungen eine ebenso wichtige Rolle wie die subjektive Einstellung der Frauen.
Aufschlussreich ist in diesem Zusammenhang eine Literaturstudie der Amerikanerin Debra Mollen Baker, in der sie die gesellschaftspolitischen Einflüsse in den USA untersucht, die den Mythos „Frau gleich Mutter“ untergruben oder bestärkten. Sie verweist darauf, dass im Zuge der Industrialisierung die Familien in Amerika kleiner wurden und die Zahl der Familien wuchs, die kinderlos blieben.
Kamen um 1800 noch durchschnittlich sieben Kinder auf jedes verheiratete Paar in Amerika, so verringerte sich 100 Jahre später diese Zahl um die Hälfte. Die Geburtenkontrollbewegung, initiert durch die Frauenrechtlerin Margarete
Senger, versetzte Frauen in die Lage, besser als jemals zuvor ihre Schwangerschaften zu kontrollieren. Von den vor 1925 geborenen Frauen blieben 20 Prozent kinderlos. Der Trend zur Geburtenkontrolle, in der Literatur auch als „häuslicher Feminismus“ bezeichnet, nahm in den folgenden Jahrzehnten wieder ab. Von Roosevelt wurde die Pflicht der Frauen beschworen, mindestens sechs Kinder zu haben, und mit der Verantwortung der Männer verglichen, die für das Land kämpfen. Der Trend zur Kinderlosigkeit stieg dennoch während der Depression und während des Zweiten Weltkrieges wieder an, um dann nach dem Zweiten Weltkrieg in den 50er Jahren eine völlig gegenläufige Richtung einzunehmen. Lediglich drei Prozent der verheirateten Frauen waren in diesen Jahren kinderlos. Die Schrecken des Krieges führten auch in Amerika zu einer Rückbesinnung auf die traditionellen Werte der Familie, deren Träger die Hausfrau und Mutter war. Gleichzeitig blühte in diesen Jahren die soziale Stigmatisierung kinderloser Frauen. Selbstsucht und die Verfehlung ihrer wahren Bestimmung als Mutter wurde ihnen vorgeworfen. Das Heimchen am Herd war das Idol in den 50er Jahren des vergangenen Jahrhunderts in Amerika und im Nachkriegsdeutschland, das durch die Medien mitgeprägt wurde, und blieb es bis in die 60er Jahre hinein noch erhalten.
In den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts wurde „das Ideal der Superfrau in die Welt gesetzt“, schreibt Mollen Baker. Es zirkulierte und schwappte über den Großen Teich bis zu uns. „Die Frauen hielten in einem Arm das Baby, im anderen die Aktentasche und versuchten, den enormen Anforderungen von Karriere und Familie gerecht zu werden.“
Debra Mollen Baker nimmt in ihrer Studie Partei für die Frauen, für die es kein Lebensziel ist, Kinder und Karriere unter einen Hut zu bringen, neben ihrem Beruf ein Baby zur Sauberkeit zu erziehen, es ans Töpfchen zu gewöhnen, ihm den richtigen Umgang mit Messer und Gabel und andere Kulturerrungenschaften beizubringen. Sie stellt Untersuchungen vor, in denen Frauen zu Wort kommen, die sich bewusst entschieden haben, kinderlos zu bleiben. Trotz ganz unterschiedlicher Biografien haben diese Frauen etwas Gemeinsames. Sie „sprechen von Kunst, Aktivismus, Abenteuer, einer engen Beziehung zu ihrem Ehemann oder Partner, Bildung, Freundschaften, Karriere, Einsamkeit, Reisen und Spiritualität. Sie alle führen ein erfülltes, produktives Leben. Sie wissen, dass sie sich von der Mehrheit der Frauen unterscheiden; ihre Gefühle für Identität, Weiblichkeit, Produktivität und Sicherheit sind nicht von der Mutterschaft abhängig.“ Ihre Entscheidung, kinderlos zu bleiben, sei für sie eindeutig gewesen. Sie hätten deshalb keine großen Konflikte durchgemacht.
Die Werte Bildung, Selbstverwirklichung und finanzielle Unabhängigkeit im Leben, Bestrebungen, sich von traditionellen Geschlechterrollen zu befreien, werden auch von den Frauen und Männern genannt, die von Christine Carl für ihre Untersuchung psychologischer Einflussfaktoren und Verlaufstypologien des generativen Verhaltens befragt wurden. In ihrer Untersuchung kommt sie zu dem Schluss, dass das generative Verhalten beider Geschlechter ein „lebenslanger Prozess“ sei, dass es sich nicht um eine einmalige endgültige Entscheidung handele, sondern um eine Entscheidung, die Veränderungen unterworfen sei. Selbst später, wenn die Würfel gefallen sind, werde dieser Entschluss oft noch einmal hinterfragt – gerade von Frauen. Die von Christine Carl befragten Frauen schildern, dass um das 35. Lebensjahr die allmorgendliche Einnahme der Pille und auch die Monatsblutung als Ereignisse erlebt werden, die zu einer neuen Auseinandersetzung mit dem Kinderwunschthema führen.
„Die subjektive Einstufung ‚gewollt kinderlos‘ ist als Selbstdefinition und Identitätsleistung zu betrachten“, schreibt Christine Carl. Von daher müsse die Entscheidung, kinderlos zu bleiben, auch immer wieder vor sich selbst neu begründet werden. Rationale Begründungen – wie „die Gesellschaft ist kinderfeindlich“ oder „die Welt ist ohnehin überbevölkert“ – gehören zu den Verarbeitungs- und Verteidigungsstrategien, weil die psychischen Beweggründe eben nicht so leicht zu nennen sind und weil Frauen, die keine Kinder haben wollen, sich oft schuldig fühlen.
Wie Debra Mollen Baker hebt auch Christine Carl in ihrer Untersuchung hervor, dass die psychologische Forschung den wachsenden Trend zur Kinderlosigkeit vernachlässigt habe und dass vor allem die Entscheidung der Frauen, kinderlos zu bleiben, noch immer unterschwellig diskriminiert werde.
Egoismus, Konsumorientierung und sogar Kinderfeindlichkeit werden ihnen vorgeworfen. Dass die Wahlmöglichkeiten, die Frauen heute haben, ihr Leben ohne Kinder zu gestalten, die Entscheidung nicht leichter machen, darauf weist Christine Carl ausdrücklich hin. Die Abweichung von der Norm ruft noch immer Geringschätzung hervor.
Christine Carl befragte für ihre Untersuchung zunächst schriftlich 64 Frauen und 21 Männer im Alter zwischen 43 und 65 Jahren in den Städten Freiburg und Jena nach den Gründen ihrer Kinderlosigkeit und nach ihrer Lebenszufriedenheit und ergänzte die schriftliche Befragung durch qualitative Interviews. Ihre Kontrollgruppe setzte sich aus 151 Müttern und 64 Vätern zusammen. Der Vergleich ergab keine Unterschiede in der Bewertung der Lebenszufriedenheit gewollt kinderloser Frauen und Männer und Eltern. Ein weiteres Ergebnis dieser Befragung: Mit gesellschaftlichen Normen, die vorschreiben, dass zur Selbstverwirklichung von Frau und Mann zumindest ein Kind gehört, gehen gewollt kinderlose Frauen und Männer flexibel um. Sie glauben nicht, dass Kinder eine emotionale Stabilisierung in ihr Leben bringen würden, eher befürchten sie, dass Kinder ihre Bestrebungen nach Selbstverwirklichung behindern und die Beziehung zum Partner gefährden könnten.
In den persönlichen Interviews, die Christine Carl führte, sprachen Frauen und Männer von negativen Beispielen in ihren Herkunftsfamilien, die Einfluss darauf genommen hätten, sich für ein Leben ohne Kinder zu entscheiden.
Als Beispiele nannten sie die unglückliche Ehe der Eltern, indirekte Botschaften der Mutter – „mach es nicht wie ich“ –, die Befürchtung, die erlebten problematischen Strukturen in den Herkunftsfamilien zu wiederholen oder die der eigenen Person zugeschriebenen „schlechten“ Eigenschaften auf das Kind zu übertragen.
Literatur
 | Debra Mollen Baker: Woman without children. Chicago, Illinois 2002 |
 | Christine Carl: Gewollt kinderlose Frauen und Männer – Psychologische Einflussfaktoren und Verlaufstypologien des generativen Verhaltens. Verlag für akademische Schriften 2002 |
 | EMNID: Frauen 2002. Bielefeld Oktober 2002 |
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