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Beginn des Artikels
Künstliche Befruchtung

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Christian Schmid
Auf
diesem Behandlungsstuhl werden Eizellen entnommen und befruchtete in die Gebärmutter
eingesetzt (Die Fotos wurden nicht in der Klinik, in der Almuth Paeglow
behandelt wurde, aufgenommen, sondern in einer Hamburger Praxis)
Es ist jedes Mal ein kleiner Tod, wenn
die Klinik anruft: "Leider, Frau Paeglow, leider haben wir schlechte
Nachrichten." Keine geteilten Eizellen, kein beginnendes Leben im
Brutschrank, keine Hoffnung auf eine Schwangerschaft. Für die Arzthelferinnen
in der gynäkologischen Abteilung der Uni-Klinik gehören diese Anrufe zur
Routine.
Almuth Paeglow verliert mit jeder schlechten Nachricht einen Wettlauf mit der
Zeit, den Wettlauf um ihre einzige Hoffnung: ein eigenes Kind. Die Statistik
sagt, dass die Wahrscheinlichkeit, dass am Ende ein Baby geboren wird, pro
Kinderwunschbehandlung nur 20 Prozent beträgt.
Durchschnittlich die Hälfte der Frauen bleibt trotz medizinischer Hilfe
kinderlos. Natürlich denkt kein einziges Paar, dass ausgerechnet sie die Unglücklichen
sind, bei denen es nie klappen wird. Sonst würde niemand weitermachen. Schon
gar nicht zehn Jahre lang wie Almuth Paeglow.
Sie heiratet Torsten im Mai 1993. Da ist Almuth 32 Jahre alt und unendlich glücklich.
Es ist ein Neuanfang. Ihr erster Verlobter starb bei einem Autounfall, da war
sie gerade 24. Als sie Torsten kennen lernt, wollen beide das Leben genießen.
Beide lieben Sport, sie schmieden gemeinsam Pläne - Torsten hat ein eigenes
Fitness-Studio, will viel erreichen in seinem Leben: beruflichen Erfolg,
finanzielle Sicherheit. Almuth unterstützt ihn und seine Pläne, eine
Handelsvertretung für Textil, später eine Beratung für Kapitalanlagen und
Versicherungen mit 20 Mitarbeitern. Natürlich sprechen sie über Kinder. Klar.
Sie wollen Kinder. Später. Während ihrer Hochzeitsreise deckt sich Almuth noch
mit der Pille ein.
Zurück in Deutschland, setzt sie nach 15 Jahren die Pille ab. Die Frauenärztin
sagt ihr noch, dass es jetzt schnell gehen kann mit einer Schwangerschaft. Sie
wartet. Nichts passiert. Im September 1993 beginnt sie auf Anraten ihrer Ärztin
mit dem Temperaturmessen, jeden Morgen, vor dem Aufstehen. Das wird sie über
Jahre so machen. Mit Freunden fahren sie in den Urlaub nach Dänemark - vier der
Paare versuchen, ein Kind zu produzieren. Sie nennen ihr Ferienhaus "Das
Trainingslager". Es muss viel gelacht worden sein in dieser Zeit. Eines der
Babys, die in Dänemark gezeugt werden, ist heute Almuths Patenkind. Ihre
Temperaturkurven sind perfekt. Aber sie wird nicht schwanger. Im Sommer 1994
beginnt die Ärztin mit einer Zyklusüberwachung. Almuth wird Blut abgenommen,
Ultraschallaufnahmen werden gemacht. Diagnose: eine leichte Eireifungsstörung.
Almuth sagt, sie habe da noch gut abschalten können. Auch wenn sie mit ihrem
Mann schlafen wollen musste: "Ich habe ihm nicht immer gesagt, dass jetzt
meine fruchtbarste Zeit war. Es reichte doch, wenn ich daran dachte." Sex
nach Vorgabe der Kurve wird normal, Lust auf Knopfdruck nicht immer: "Man
fragt sich schon manchmal, was machst du da eigentlich?"
"Das Spermiogramm Ihres Mannes ist in Ordnung", sagt der Urologe.
Schleicht es sich jetzt hinein in Almuths Leben? Das Gefühl, dass da etwas
nicht richtig sein kann mit ihrem Körper? Sechs Hormonbehandlungen und eine
Bauchspiegelung später ist immer noch nichts passiert. Fragen drängen sich
auf: Warum ich? Was ist falsch mit mir? Bin ich keine vollwertige Frau? Die Ärztin
verweist Almuth an die Uni-Klinik.
Almuth will sich nicht krank fühlen. Ihr Körper ist topfit, sie achtet auf
ihre Ernährung, ist oft an der frischen Luft. Sie und ihr Mann lassen Haare auf
Zink und Kupfer untersuchen, das Trinkwasser analysieren. Alles bestens. Was läuft
falsch? Die Kurven sind wunderbar, die Eisprünge kann Almuth inzwischen
vorhersagen. Aber sie wird nicht schwanger. Im Juni 1996 geht sie zur
Uni-Klinik.

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Christian Schmid
Mit
der Punktionsnadel werden Eizellen aus den Eierstöcken gesaugt, um anschließend
in der Petrischale befruchtet zu werden
Dort
gibt es Gewissheit: Das Spermiogramm ist doch nicht in Ordnung. Ihrem Mann fehlt
ein wichtiges Eiweiß im Kopfteil der Spermien, dem Hütchen, mit dem der Samen
in die Eizelle eindringen kann. Almuth spürt Erleichterung, endlich eine
Diagnose. Dagegen gibt es eine Therapie, denkt sie. Schuld wird zwischen den
Paeglows nicht thematisiert. Almuth spürt, dass die Diagnose ihren Mann
belastet. Er redet nicht darüber.
Die Ärzte erklären ihnen, dass als Behandlungsmethode nur die "ICSI"
bleibt, sprich Iksi, die Intracytoplasmatische Spermieninjektion. Im Labor wird
ein einzelnes Spermium in die Eizelle injiziert, die der Frau vorher entnommen
wurde. Findet eine Befruchtung statt, kann die sich bereits teilende Eizelle
nach zwei bis drei Tagen im Brutschrank wieder in die Gebärmutter eingesetzt
werden. Das ist dann der Embryotransfer. Die ICSI ist die teuerste Behandlung in
der Reproduktionsmedizin. Almuth Paeglow zahlte bis zu 5000 Mark im Jahr 1996,
noch zusätzlich zu den Kosten einer normalen In-vitro-Fertilisation, bei der
die Eizellen mit den Spermien in einer Petrischale zusammengebracht werden. Die
ICSI ist die einzige Chance für die Paeglows. Almuth hat Glück. Sie kann an
einer Studie teilnehmen, kostenlos.
Almuths erster Versuch beginnt im September 1996. Sie muss zweimal täglich an
die Uni-Klinik, Hormonspritzen abholen, Blut abnehmen. Ihre Venen entzünden
sich. Ihr Mann kommt nicht mit. Sein Kinderwunsch ist nicht so groß wie der von
Almuth. Er könnte auch prima ohne Kinder auskommen. Für ihn ist wichtig, dass
er beruflich weiterkommt. Manchmal hat er so viel zu tun, dass er für Gespräche
mit Almuth Termine vereinbaren muss. "Ich tue das alles nur für sie",
sagt er. "Nachfühlen kann ich nicht, was sie empfindet. Nur Verständnis
haben." Almuth steht unter Stress. Jeden Morgen und Abend hat sie einen
Termin in der Klinik. Sie muss ihren Chef in der Diätklinik belügen und auf
die Kulanz ihrer Kollegin hoffen, die sie deckt, wenn sie wieder mal zu spät
kommt. Eingeweiht hat sie nur ihre beiden älteren Schwestern, sonst niemanden.
Nicht ihre Schwiegermutter, die auf den ersten Enkel ihres einzigen Sohnes
wartet; nicht ihre Mutter, die ihr immer wieder sagt, wie schön ein Leben ohne
Kinder sein kann. Sie will alle mit der positiven Nachricht überraschen: Ich
bin schwanger.
Ihr Körper wird erst mit Hormonen in einen Wechseljahreszustand gebracht, dann
hormonell wieder hochgepumpt, bis er mehrere Eizellen gleichzeitig produziert.
Wenn sie reif sind, kurz vor dem Eisprung, werden sie durch eine Punktion
herausgeholt, um dann unter dem Mikroskop befruchtet zu werden. Das ist die
medizinische Seite. Im Alltag heißt das: Nichts darf die Entwicklung der
Eizellen stören. Also auch kein Sex. "Wozu sind wir überhaupt
verheiratet?", brüllt Almuths Ehemann. Er muss in der Klinik "seine
Sache abliefern", wie Almuth sagt. Ein langer Flur in der Klinik, ein
Plastikbecher, ein einsames Zimmer mit den einschlägigen Zeitschriften - das
war es. Das reicht ihm aber nicht. "Das Kind kann doch nicht so wichtig für
dich sein, dass du alles andere dafür aufgibst!", empört er sich. Und
muss realisieren, dass es genau so ist: Almuth lebt für die Hoffnung auf ein
Kind.

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Christian Schmid
Unter
dem Mikroskop wird ein einzelnes Spermium in die Eizelle injiziert. ICSI heißt
diese Methode
Sie
liest sich ihr Wissen an, versucht, ihren Körper auf viele Eizellen
einzustimmen, horcht in sich hinein, macht weniger Sport. Nur keine falsche
Bewegung. Doch es wachsen nur zwei Eizellen. Eine Punktion lohnt nicht. Es
reicht für eine Insemination, das Einspritzen des ehemännlichen Samens in ihre
Gebärmutter. Mit wenig Aussichten auf Erfolg, denn noch immer sind die Samen
ihres Mannes durch das fehlende Eiweiß nicht in der Lage, eine Eizelle zu
durchstoßen. Würde etwas passieren, wäre das wie ein Sechser im Lotto. Aber
natürlich hofft Almuth auch diesmal wieder, zwei Tage lang nach dem
Einspritzen. Es passiert nichts.
Der zweite Versuch beginnt im November 1996. Nach langem Kampf wird er, wie drei
weitere Versuche, von der Krankenkasse bezahlt. Wieder wird Almuth mit Hormonen
vollgepumpt, die ihren Körper stimulieren, mehr Eizellen zu bilden, am besten
drei, vier oder fünf. Ihr Mann hat sich inzwischen beruhigt. Er akzeptiert
Almuths Entscheidung, auch wenn er sie nicht versteht. Ihm bleibt auch nicht
viel anderes übrig. Sie reden nicht viel, Torsten ist niemand, der viel über
Dinge redet. Er ist ein Macher, sagt er von sich selbst. Almuth belastet ihn
nicht mit ihrer Behandlung, sie fährt allein in die Klinik und wieder zurück.
Torsten fährt hin, wenn er seinen Teil abliefern muss. Diesmal scheint Almuth
Glück zu haben. Es sind sechs Follikel gewachsen, Eibläschen, in denen sich je
eine Eizelle entwickelt. Es wird eine Punktion geben. Die sechs Follikel halten
fünf Eizellen, die befruchtet werden. Es beginnt wieder das Warten, 48 Stunden
lang.
Zwei wurden befruchtet. Almuth fährt voller Vorfreude in die Klinik. Sie weiß,
dass noch viel schief gehen kann, trotzdem spricht sie von diesen Zellhaufen wie
von ihren Kindern. Beim Transfer warnt der Arzt, dass es jetzt schmerze, als er
ihre Gebärmutter lang zieht. "Wie Regelschmerzen", sagt Almuth.
"Ja, genau so fühlt sich das an", bestätigt der Mediziner, und sie
erinnert sich noch, dass alle Schwestern lachen. Wie kann ein Mann wissen, wie
sich das anfühlt? Almuth wird diesen Arzt in den nächsten Jahren aufsteigen
sehen zum Oberarzt. Nicht immer wird sie von ihm behandelt. Sie geht als Fall
durch viele Arzthände. Ihr Mann sagt, in der Klinik käme man sich vor wie eine
Nummer: "Eine Hühnerfarm ist das." Almuth meint, dass dort alle sehr
viel zu tun haben. Das sei eben so.
Der Arzt kann ihr nur eine befruchtete Eizelle einpflanzen. Nur eine. Da liegt
die Chance auf eine chemische Schwangerschaft so niedrig, dass man sie lieber
gar nicht aussprechen will. Eine chemische Schwangerschaft heißt, dass der Körper
irgendwann einmal Schwangerschaftshormone produziert. Das heißt nicht, dass ein
Fötus entsteht oder es gar zu einer Geburt kommen wird. Chemisch schwanger sein
ist wie "ein bisschen schwanger sein". Aber die Hoffnung lässt sich
nicht auf "ein bisschen" reduzieren.

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Christian Schmid
Der
Krug steht bei Almuth Paeglow im Wohnzimmer. Halbedelsteine sollen das Wasser
energetisieren - um den Körper zu stärken
Es
ist Weihnachten 1996, und Almuth Paeglow ist tatsächlich schwanger. Sie spürt
es, wenn ihr schwindelig wird auf der Rolltreppe, und sie spürt ein Ziehen in
der Brust. Jetzt hofft sie nicht mehr nur, sie glaubt. Glaubt daran, dass es das
letzte Weihnachten wird, an dem ihre Schwiegermutter unter dem Tannenbaum weint,
weil sie so sehr auf ein Enkelkind hofft. Glaubt, dass es das letzte Weihnachten
wird, an dem sie die Kinder ihrer vier Geschwister sieht und sich fragt, wie
wohl ihr eigenes Kind einmal aussehen wird. Daher liest sie der Familie einen
Brief vor, ein Tagebuch, das die Zweifel, Hoffnungen, das Warten beschreibt während
der vergangenen Monate. Ihr Zwillingsbruder hat Tränen in den Augen. Almuth
denkt, sie hat es geschafft.
Zwischen Weihnachten und Neujahr sinkt ihr Hormonspiegel. Keiner der Ärzte weiß,
was los ist. Auf dem Ultraschallbild ist der Embryonenpunkt nicht mehr zu sehen.
Es ist vorbei. "Diesen Tag streiche ich aus meinem Leben", sagt Almuth
Paeglow und erzählt, wie sie am 2. Januar 1997 in einem eiskalten Zimmer der
Uni-Klinik die zweite Decke über sich gezogen und nur noch geheult hat aus Enttäuschung,
Wut und vor Kälte. Vorausgegangen war der Besuch eines 15-köpfigen Ärztekonzils,
es wurde auf ihrem Bauch herumgedrückt und über die beste Behandlung beraten.
Wie ein Studienobjekt sei sie sich vorgekommen, sagt Almuth.
Um den toten Zellhaufen aus ihrem Körper zu entfernen, aber die Gebärmuter
nicht zu beschädigen, wird Almuth eine leichte Zellgifttherapie verabreicht.
Ruhe findet Almuth nicht, die Schwangerschaftshormone zeigen sich immer noch.
Erst nach vier Wochen bekommt sie den Wochenfluss. Ihr Mann fragt: "Kannst
du nicht mich und die Katze als deine Babys annehmen?" Und alles in ihr
schreit nur: Nein. Als wollte das Schicksal sie auslachen, stirbt auch noch ihre
Katze. "Weder Katze noch Kind, ich wollte nur noch, dass alles zu Ende
ist!" Almuth will nie wieder in die Uni-Klinik zurück, sie will ihre
Familie nicht sehen, ihre Schwägerin mit dem zwei Monate alten Baby. Den 80.
Geburtstag ihres Vaters verbringt Almuth in Teilen heulend auf dem Klo.
Sie sagt, dass nur der Sommer sie aus ihrer Dunkelheit herausgeholt hat. Und
ihre neue Katze, Alicia, eine langhaarige Schönheit, Rasse "Heilige
Burma", die Almuth an einer langen Schnur vor den Gefahren draußen schützt.
Almuths Leben teilt sich jetzt auf in "vor" und "nach" den
Versuchen. Den nächsten beginnt sie im November 1997.

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Christian Schmid
Dieser
Raum ist für die Männer da, um Hand an sich zu legen. Zeitschriften und
Videofilme leisten Hilfe
Diesmal
platzt die Hülle um den kleinen vierzelligen Haufen zu früh, die Ärzte
beginnen trotzdem mit dem Transfer. Es klappt nicht. Almuths Kind stirbt. Sie
sagt, dass es jedes Mal ein bisschen einfacher geworden ist, damit fertig zu
werden. "Ich hätte die Behandlung körperlich alle drei Monate machen können",
sagt Almuth. Jedes Mal steht am Ende wieder das Loch, und die einzige Hilfe aus
diesem Loch ist ein neuer Versuch. Die Behandlung produziert Hoffnungs-Junkies.
"Manchmal fühlt es sich an wie eine Sucht", sagt Almuth. Dann kann
sie es kaum erwarten, wieder in die Klinik zu kommen, sich Hormone spritzen zu
lassen, nur um dem Gedanken zu entkommen, dem sie sich nicht stellen will:
"Es klappt nicht."
Im Februar 1998 steht sie beruflich unter Stress. Ihr Körper reagiert. Sie
produziert keine Eizellen mehr. So erklärt sie sich, dass nichts so läuft, wie
es soll. Der Versuch wird abgebrochen. Im Juni 1998 steigern die Ärzte die
Hormon-Dosis, immer weiter. Eine 150-Milliliter-Ampulle nach der anderen lässt
sie sich spritzen. In den Follikeln finden die Ärzte trotzdem keine Eizellen.
Ihr Körper streikt. In der Diätklinik wird ihr gekündigt. Fühlt ihr Mann
Erleichterung? Auch Almuth funktioniert nicht richtig. Es liegt nicht mehr nur
an den fehlgebildeten Spermien. Er sagt, dass zu einer Schwangerschaft immer
zwei gehören. Sie beide scheinen nicht zusammenzupassen. Almuth hat auch schon
weiter gedacht: "Was, wenn ich den Samen einfach irgendwo anders herholen würde?"
Aus einer Samenbank, oder, wie ihre Frauenärztin vorschlug, einfach von einem
Nachbarn. Aber eine wirkliche Alternative ist das für Almuth nicht. Denn warum
will sie ein Kind? Weil es der endgültige Liebesbeweis ist, weil ein Kind die
Verschmelzung der beiden Liebenden zu einem neuen Leben bedeutet. Weil die Liebe
dann ein Gesicht bekommt und in die nächste Generation hineinwächst. Almuth
weiß, dass sie ihre Liebe verschenkt, wenn ihr Kind einen anderen biologischen
Vater hätte. "Wenn du das willst, musst du dich trennen", sagt ihr
Mann. Er bittet Almuth immer wieder, dass sie lächeln soll. Er versteht Almuth
nicht. Sie kann nicht lachen, sie erträgt manchmal keine Kinder. Sie ist dann
ganz allein.
Die Krankenkasse genehmigt nach vier Versuchen keine weiteren ICSI-Behandlungen.
Um keine Zeit zu verlieren, nimmt Almuth, was sie kriegen kann: fünf
Inseminationen, vom Frühjahr 1998 bis zum Frühjahr 1999. Jedes Mal wieder die
Hormonspritzen, Warten, Injektion des Samens, Warten. Ihrer Familie sagt sie,
dass sie nicht mehr auf die Kinderwunschbehandlung angesprochen werden will. Die
Gespräche sind zur Qual geworden, wenn die Antwort nur heißen kann:
"Wieder nichts." Eine Ärztin sagt, dass Almuths Eierstöcke schon
acht Jahre älter seien als sie selbst. Solche Sätze sitzen in ihrem Kopf wie
ein Pflock. Im Frühjahr 1998 ist Almuth Paeglow 37 Jahre alt geworden. Sie soll
schon in den Wechseljahren sein, obwohl sie sagt, dass sie ihren Zyklus noch spüre.
Die Ärzte glauben ihr nicht. Erst eine Zyklusüberwachung zeigt das Ergebnis:
alles in Ordnung. Noch funktioniert ihr Körper.

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Christian Schmid
Vor
der Durchreiche stellen die Männer Näpfchen mit ihrem Samen ab
Sie
macht anderthalb Jahre Pause. Pause von der Hormonbehandlung, vom Krankenhaus.
"Obwohl ich die Behandlung immer interessant fand. Ich habe das gerne
gemacht", sagt Almuth. Sie kann nicht mehr. Sie will mal wieder einen über
den Durst trinken, ohne Temperaturkurve und Hormonspritzen leben. Für ihre Ehe
ist es dringend nötig. Keine Vorschriften, keine Angst, dass man zu oft
miteinander schläft und sich dadurch Antikörper bilden könnten, dass man zu
früh wieder miteinander schläft und dadurch den Embryo nach dem Transfer gefährlich
durcheinander schüttelt. Einfach frei sein. Aber Almuth Paeglow ist nicht frei.
Ihre Uhr tickt. Und heute sagt sie, dass sie natürlich ausprobieren wollte, ob
der meist gehörte Ratschlag nicht doch funktioniert: "Ihr müsst euch nur
mal entspannen, dann klappt das schon!" Es gibt sie ja, diese Geschichten.
Jahrelanges Abarbeiten - und dann hört man auf und schwupps! ist die Frau
schwanger.
Bei Almuth Paeglow passiert in den 18 Monaten nichts. Sie spürt, wenn ihr
Eisprung kommt: "Das will ich gar nicht wissen, ich weiß es aber!"
Die nächsten ICSI-Versuche müssen sie selber zahlen. Tausende und Tausende von
Euros sind das. Almuth sagt: "Ist das etwa unser Kind nicht wert?" Sie
arbeitet inzwischen im Fitness-Studio ihres Mannes. Der bleibt oft bis spät in
die Nacht im Betrieb. Er möchte sich so vieles noch leisten können. Almuth
beginnt den nächsten Versuch im September 2001.
Es ist der sechste. Die zwei Eizellen werden nicht befruchtet. Der siebte
Versuch startet im November 2001. Diesmal werden Almuth ganz wenig Hormone
gespritzt, sie sei ein "low responder", hört sie. Ihr Körper lässt
sich nichts sagen, so könnte man es auch sehen. Er produziert drei Follikel.
"Wunderschön", wie die Ärzte kommentieren. Ein Embryo wird
transferiert.
Die Hoffnung beginnt wieder. Sie wächst in Almuths Bauch, und Almuth ist überglücklich.
Dann kommt die erste Klinikrechnung. Torsten Paeglow flippt aus. Gerade jetzt,
wo es finanziell eng ist. Wie soll das gehen? Und wenn ein Kind kommt, dann wird
doch alles noch teurer! Für Almuth ist dies eine Katastrophe. Der Mann, der
seit mehr als acht Jahren alles mitmacht, der immer treu in die Uni-Klinik trabt
und seinen Teil zum Gelingen abliefert, der aber nie ganz verstanden hat, was
seine Frau antreibt, der hat sie jetzt allein gelassen. Almuth Paeglow bekommt
eine Gürtelrose, und als sie entsetzt zur Ärztin geht und nach den Risiken für
ihre Schwangerschaft fragt, sagt diese einfach nur: "Machen Sie sich keine
Sorgen, das Kind geht sowieso vorher ab."

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Christian Schmid
Im
Brutschrank reifen Eizellen heran. Die Zellen im oberen Regal wurden nach ICSI
befruchtet, die im unteren In-vitro fertilisiert (IVF)
Almuth
Paeglow verliert ihr Kind im Dezember 2001. Zu Silvester sprechen die Eheleute
Paeglow nicht mehr miteinander. "Jede Belastung bringt dich natürlich erst
einmal auseinander", sagt Torsten. Sie sind ganz weit auseinander, am Ende
des Jahres 2001. Und doch will Almuth über eine Adoption nicht wirklich
nachdenken. "Ein Kind soll doch eine Fortsetzung von mir und Torsten
sein." Tatsächlich sind sie für eine Adoption inzwischen zu alt, sie mit
41 und er mit 47 Jahren. Zu alt für die Adoption eines deutschen Babys. Die
Jugendämter bevorzugen Paare unter 40 Jahren. "Eine Unverschämtheit",
findet Torsten Paeglow. Er hat eine Adoption eigentlich abgelehnt. Aber er würde
sie unterstützen, "wenn es Almuth glücklich macht". Er sagt noch,
dass er laut Fitness-Test den Körper eines 34-Jährigen habe.
Der nächste Versuch beginnt im Februar 2002. Diesmal hat Torsten gefragt, ob
Almuth es nicht noch einmal versuchen wolle. Er hat gemerkt, wie sehr sie immer
noch hofft. "Ich bin auch nichts ohne meinen Sport", sagt er.
"Nur", und dann zögert er, "nur zieht mich mein Sport nicht so
runter." Die Ärzte finden eine Eizelle, die sich nicht befruchtet. Es
sollte eigentlich das letzte Mal sein, wie schon vorher und davor. Aber Almuth
hat noch Medikamente übrig. Ein Arzt fragt sie, ob sie nicht langsam aufgeben
will.
Im November 2002 startet Almuth ihren allerallerletzten Versuch. Drei Follikel,
keine Befruchtung.
Es ist das Ende. "Man kann nicht weitermachen bis zum finanziellen
Ruin", sagt Almuth. Sie ist 41 Jahre alt, und die zehn Jahre ihrer Ehe hat
sie versucht, schwanger zu werden. Es ist wie ein Tod. Almuth sagt, schon oft
habe sie in ihren Träumen vor einer Babyklappe gestanden und den Frauen, die
anscheinend so einfach schwanger wurden, die ungewollten Babys abgenommen. Warum
die und ich nicht? Auf der Beerdigung ihrer Mutter hat sie die Enkel gesehen,
sieben Jungs und ein Mädchen. Sie hat daran gedacht, dass an ihrem Grab einmal
keine Kinder stehen werden.

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Christian Schmid
Sorgfältig
hat Almuth Paeglow ihre Körpertemperatur aufgezeichnet, Regelblutung,
Vielleicht
wäre eine unausweichliche Diagnose einfacher zu akzeptieren. Sie kann keine
Kinder bekommen und fertig. Aber in einer Welt, in der Mediziner 60-jährige
Frauen schwanger werden lassen, wer glaubt da, dass es bei einer völlig
gesunden Vierzigjährigen nicht klappen könnte? "Sei doch froh, dass du
deine Ruhe hast!", sagen ihre Freunde, die natürlich alle Kinder haben und
darunter leiden, dass sie nicht spontan abends ins Kino gehen können. Almuth möchte
nicht spontan ins Kino gehen. "Wir könnten eine perfekte Beziehung
leben", sagt ihr Mann. "Ja", sagt Almuth.
Viele Betroffene
tauschen sich in Internetforen aus, die auch Informationen rund um die
Kinderwunschbehandlung bereithalten: www.wunschkinder.de,
www.klein-putz.de
Der Diplompsychologe Dr. Tewes Wischmann hat das Beratungsnetzwerk
Kinderwunsch Deutschland (BkiD) gegründet, das vor allem Frauen Hilfe
anbietet, die trotz aller medizinischen Hilfe keine Kinder bekommen können:
Telefon: 06221-568137 www.bkid.de,
info@bkid.de
Weitere Literatur: Martin Spiewak: Wie weit gehen wir für ein Kind? Im
Labyrinth der Fortpflanzungsmedizin, Eichborn Verlag, 22,90 Euro, www.ungewolltekinderlosigkeit.de
ist eine Website zu diesem Buch
Im Frühjahr 2003 hätte sie nach dem Rhythmus
der vergangenen Jahre eigentlich einen nächsten Versuch starten sollen. Das
Leben ist plötzlich leer ohne die Hormonfahrpläne, ohne die Spritzentermine.
Ohne das Warten und vor allem ohne die Hoffnung. Almuth beginnt eine
Psychotherapie. 33 Stunden lang über 33 Wochen spricht sie mit ihrer
Therapeutin, gewinnt Abstand von der Sucht Kinderwunsch. Und Abstand von ihrer
Ehe. "Unsere Liebe ist auf der Strecke geblieben", sagt sie. Sie haben
sich nichts mehr zu sagen. Es war nie sein Wunsch, Kinder zu bekommen. Der
Kinderwunsch war Almuths. Und jetzt, wo ihr Traum zu Ende geht, bleibt dem
Ehepaar Paeglow nichts mehr.
"Wir werden uns trennen", sagt Almuth. Sie will ein neues Leben
anfangen, einen neuen Job suchen, nach Hamburg ziehen. Manchmal fragt sie sich,
warum sie den Schritt nicht vorher gemacht hat. Warum sie nicht doch einfach
eine Samenspende ausprobiert hat. Aber es ist, wie es ist. Sie lacht. "Ich
habe eine positive Vorahnung für 2004."
Cornelia Fuchs und Christian Schmid (Fotos)
Meldung
vom 03. Februar 2004